Herausgegeben von Lucian Plessner. Aus dem Russischen von Lucian Plessner und Alexandra Kravtsova. Mit Illustrationen von Elisabeth Klingenberg. In der Wohnung Sergej Eisensteins fand der Gitarrist Lucian Plessner in einer vergilbten Zeitschrift Erzählungen des großen Komponisten Sergej Prokofjev und landete damit eine literarische Sensation: Lange war nicht bekannt, dass der Komponist auch schriftstellerisch tätig war. Auf seinen unzähligen Reisen schrieb er humorvoll-skurrile Geschichten, die die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit aufs Korn nehmen: Da begibt sich der Eiffelturm aus Sehnsucht nach dem Turm der Türme auf Wanderschaft nach Babylon, ein eitler Offizier und ein verliebter Maler wetteifern um eine Frau und legen sich dafür mit Schopenhauer an, oder ein Ingenieur verliert seine Frau und den Verstand. In seinem erzählerischen Werk, das hier vollständig vorliegt, spiegeln sich Prokofjevs Vorliebe für märchenhafte Stoffe, Zeiteinflüsse wie Dada und Surrealismus, aber auch die russische Erzähltradition eines Dostojewski, Gogol oder Tschechow.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.11.2012
Hingerissen folgt Rezensent Daniel Jurjew in Prokofjevs Erzählungen nicht nur einem wanderlustigen Eiffelturm nach Mesopotamien, er lauscht auch den Gesprächen zwischen einem Fliegenpilz und einem Mädchen. Es sind fantasievolle, witzige und zum Glück nicht durcherklärte Geschichten, notiert der Rezensent, in denen Traum und Realität nicht immer ohne weiteres zu trennen sind, was wohl auch, so Jurjew, mit ihrer Entstehungszeit, den Jahren 1917 bis 1921 und ihrer "existenziellen Unsicherheit" zusammenhängen mag. Glück war auch bei der Hebung dieses Schatzes der russischen Phantastik im Spiel: Nur durch Zufall wurde er im Archiv von Sergej Eisenstein entdeckt, weiß der Rezensent zu berichten.
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