Senthuran Varatharajah

Vor der Zunahme der Zeichen

Roman
Cover: Vor der Zunahme der Zeichen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
ISBN 9783100024152
Gebunden, 256 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Senthuran Varatharajah schreibt in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biografien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.07.2016

Keine Ironie, keinen Humor, kein Turteln, und keine melancholischen Klagen enthält Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen", erklärt Rezensentin Marie Schmidt, es ist vielmer die moderne Version eines Briefromans. Für rührselige Flüchtlingsdebatten unbrauchbar, aber darum nicht minder bewundernswürdig, lobt sie. In einer strengen und beherrschten Sprache lasse Autor Senthuran Varatharajah seine beiden Protagonisten assoziativ Erinnerungen, Ideen und Gedanken austauschen und ihre Erfahrungen als Migranten in einem wenig gastfreundlichen Land vergleichen. Ihre sich langsam entwickelnde Beziehung ist real, aber existiert nicht auf der körperlichen Ebene, sie besteht viel mehr aus Zeichen, lesen wir, so wie die ganze dem Menschen zugängliche und kommunizierbare Welt aus Bildern und Sprache bestehe. Die Originale, das Bezeichnete verschwindet dahinter, es entsteht das Gefühl einer sprachlich nicht fassbaren Leere in der Mitte der Dinge, so Schmidt weiter. Mit dieser Leere, der "Mangelhaftigkeit der Zeichen" versuchen Varatharajahs Protagonisten umzugehen. Die Rezensentin ist schlicht beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.06.2016

Rezensentin Susanne Lenz hat den Autor Senthuran Varatharajah in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg besucht, um mit ihm über sein erstes Buch "Vor der Zunahme der Zeichen" zu sprechen. Was der Autor über die Offenheit seines Romans und seine Sprache sagt, kann sie nachvollziehen. Wenn Varatharajah von seinem Versuch berichtet, "Prosa so zu schreiben, wie er Lyrik denke" kann die Rezensentin das im Ergebnis bestätigen: Er habe für seinen Roman eine neue, sehr bewusste und poetische Sprache für die Erfahrung von Flucht, Verlust und Neuanfang gefunden. Wie wir von Lenz erfahren, besteht der ungewöhnliche Roman aus dem fiktiven Chatverlauf zweier Geflüchteter aus Sri Lanka und Kosovo, die einander sieben Tage lang ihre Geschichte erzählen. Der besondere Erzählton ermöglicht es dem Leser, gerade durch eine gewisse Distanziertheit sich mitten drin zu fühlen und Empathie zu empfinden, lobt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2016

Rezensentin Wiebke Porombka liest Senthuran Varatharajahs episodischen Facebook-Roman als Möglichkeit, Fluchterfahrungen nachvollziehbar zu machen. Insofern ist der Text für sie eine mit feinen Motivvariationen und -verknüpfungen arbeitende Sensibilisierungsgeschichte über Identität und Ausgrenzung, eine Art existenzielle, rein sprachliche Versuchsanordnung. Im verbalen, mitunter poetisch-philosophischen Austausch der beiden Gesprächspartner werden laut Porombka Lebensstationen sichtbar, Schattenseiten der Biografie, und das Verstummen in der Migration wird transzendiert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.03.2016

Meike Fessmann scheint fasziniert von Senthuran Varatharajahs Text. Dass jemand einen Roman als zu dechiffrierenden Text begreift, wie das der Autor macht, scheint ihr einerseits überholt, andererseits aber durchaus angebracht für die vorliegende Geschichte und ihre Themen Herkunft und Fremdheit. Die im Buch verhandelte Begegnung zweier Migranten, die einander auf Facebook die jeweils eigene Familiengeschichte ausbreiten, liest Feßmann dementsprechend mit Sinn für die feinen Risse in den Biografien der Figuren und für die Symbolik in ihren Texten. Die so entstehende Vielschichtigkeit des Buches fordert sie und gefällt ihr.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.03.2016

Als echte Wohltat empfindet es Dirk Knipphals, vor dem Getöse der aktuellen Flüchtlingsdebatte in die Besonnenheit dieses stillen Buchs fliehen zu können, in dem Senthuran Varatharajah, der selbst als Kind aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen ist, davon erzählt, wie zwei Migrantenkinder ihre etwa im Schulalltag gemachten Erfahrungen als Fremde miteinander abgleichen. In seinem behutsam tastenden, stets die Wahrhaftigkeit der eigenen Erfahrungen perspektivierenden Roman behauptet der Autor laut Knipphals "einen Raum", etwa wenn die beiden sich in der Intimität von Facebook-Chats austauschen. Von Interesse sei dabei, dass Varatharajah sich keineswegs auf die Position migrantischen Schreibens zurückziehe; nicht die Behauptung von Fremdheit, sondern die Dekonstruktion der vermeintlich klar trennbaren Sphären "von Eigenem und Fremden" steht im Mittelpunkt, was den Roman mitunter auch in die Nähe avantgardistischer Gegenwarts-Popmusik rückt, schließt Knipphals sichtlich angetan.
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