Aus dem Japanischen von Ingo Böhm. "Die Pfingstrosenlaterne" ist ein noch heute in Japan bekanntes Werk: Die berühmte Gespenstergeschichte aus dem 17. Jahrhundert erzählt, wie zwei Schönheiten aus dem Jenseits einem jungen Mann die Lebensgeister aussaugen. Die Geschichte von Sanyutei Encho beginnt wie die Populärfassung einer griechischen Tragödie: Der junge Samurai Heitaro gerät auf dem Markt mit einem stadtbekannten Trunkenbold in Streit - und tötet ihn. Aber der Getötete war selbst Samurai, dessen Nachkommen durch ihren Ehrenkodex zur Blutrache verpflichtet sind. Das Erzählen schlägt noch mancherlei Haken. Gespenster treten auf und werden zur Heimsuchung, Liebe und Anzüglichkeiten haben ihren Ort, Schürzenjäger suchen ihr Glück und finden es. Wir lesen eine Erzählung, die übervoll ist an Wendungen und neuen Verwicklungen. Der hohe Ton, in dem japanische Vorstellungen von Ehre und Schicksalhaftigkeit zur Sprache kommen, wird gebrochen durch komödiantische Szenen. Schelmisch gerissene Charaktere begegnen dem Ethos der Edelleute mit Bauernschläue. Kein Tod ist bei Encho so tragisch, als dass er nicht neben und eng verbunden mit dem Lächerlichen stehen könnte. Zwischen Wirklichkeit und Phantasie sowie Menschen- und Geisterwelt springt die "Pfingstrosenlaterne" mit Leichtigkeit hin und her; zwischen Realität und Traum zu unterscheiden, fällt in diesem Bilderbogen nicht leicht. Encho lässt kaum ein Motiv der volkstümlichen Literatur Japans aus und immer wieder wendet er sich kommentierend an seine Zuhörer und an uns Leser.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2019
Rezensent Steffen Gnam prophezeit Schmökergenuss mit Sanyutei Enchos in der japanischen Tradition mündlicher Vortragsstücke und Legenden stehenden im 18. Jahrhundert spielenden Samurai-Erzählung. Spannung, Tempo und Grusel bietet ihm die Geschichte um jenseitige Vampirinnen, dia auch die japanische Ständegesellschaft thematisiert. Groteske, Schwank und Erotik verbinden sich laut Gnam zu einem Sittengemälde der Edo-Zeit. Nachwort und Illustrationen im Band runden den Gruselreigen für Gnam auf gelungene Weise ab.
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