Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Das kleine Edmundsbury ist derart angesagt, dass es als das neue London gilt. Alle, die etwas auf sich halten, sind schon dort oder wollen hin. Doch unter der Oberfläche ist nicht alles nur schön. Der Vorort wird von einer Technologiefirma namens Green beherrscht, in deren inneren Machtbereich nur wenige vordringen. Und plötzlich kippt der trügerische Frieden: Ein Bauunternehmer beschließt, ein soziales Wohnprojekt zur Luxusanlage umzugestalten. Ein rechter Politiker erhält immer mehr Zuspruch. Und eine Aktivistengruppe droht, die Browserverläufe sämtlicher Einwohner nach und nach im Internet zu veröffentlichen. In seiner hochintelligenten Gesellschaftssatire treibt Sam Byers die zwingenden Fragen der Gegenwart auf die Spitze und konfrontiert seine Figuren mit den Ängsten, die unter der hippen Oberfläche lauern.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2020
Rezensent Martin Zähringer bekommt eine "kluge Dystopie" mit Sam Byers Roman. Byers schreibt laut Rezensent über die perfiden Verstrickungen einer "kapitalistischen Post-Brexit-Zeit", über rechte Kommunalpolitiker mit "narzisstischer Persönlichkeitsstörung", den Bau von Smart Citys und die Folgen eines Rechtsrucks, der sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Der neue Roman von Byers eilt dem Orwell-Klassiker "1984" trotz ähnlicher Themenwahl deutlich voraus und zeichnet - passend zum englischen Romantitel "Perfidious Albion" - das Bild einer hinterhältigen und verräterischen Gesellschaft. Vielschichtig und neue Dimensionen durchdringend zeigt Byers hier, wie sich Macht nicht nur aufs Individuum, sondern auf das demokratische Gesellschaftssystem auswirkt, resümiert Zähringer.
In Byers dystopischem England gehört der Brexit schon der Vergangenheit an, und die sozialen Medien sind dabei, ihre schlimmstmöglichen Wirkungen zu entfalten, erklärt Rezensent Julian Weber. Der Roman spielt dem Kritiker zufolge unweit von London in der Kleinstadt Edmundsbury, die von Tech-Konzernen ohne Rücksicht auf verbliebene Ansässige in ein Freelancer-Paradies verwandelt wird. Auch wenn es nicht am "beißenden britischen Spott" mangelt, zeichnet der Autor laut Weber eine erschreckend wahrscheinliche Zukunft, in der die Realität sich auf bedrohliche Weise um die digitale Welt erweitert hat und zu einem Paradies für erpresserische Datendiebe und Like-heischende Populisten geworden ist. Gut durchdacht, unterhaltsam und lehrreich, lobt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2019
Rezensent Oliver Jungen findet das Cover von Sam Byers Post-Brexit-Dystopie fast besser als den Inhalt. Wie Aufmerksamkeitsdrang, Shitstorms und Microtasking in nicht allzu ferner Zukunft unser tristes Dasein bestimmen und die Debattenkultur unter sich begraben, zeigt der Roman laut Jungen zwar durchaus plausibel als finstere Laborsituation. Die Erzählung über einen von Hackern und Tech-Firmen angedrohten kommunikativen Supergau und die Politikerpersiflage gehen im Buch aber nicht sehr geschmeidig zusammen, kritisiert der Rezensent. Das Dialogfeuerwerk und die Exkurse über digitale Gesellschaftssteuerung findet Jungen irgendwann eher anstrengend als erkenntnisträchtig.
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