Vier Jahre nach "Kinder der verlorenen Gesellschaft": Der neue Gedichtband von Safiye Can."Windlicht für dunkle Tage", so heißt ein Kapitel in Safiye Cans neuem Gedichtband - ein Bild dafür, was diese Gedichte sind, was Lyrik sein kann. Wörtlich verstanden ist die Pandemie zunächst etwas, das die gesamte Weltbevölkerung betrifft, und in diesem offenen Sinne möchte auch der Titel dieses Bandes gelesen werden. Diesen Versen geht es nämlich um unterschiedliche Pandemien, von denen die Welt befallen ist und schwere Krankheitsverläufe aufzeigt: Diskriminierung, Rassismus, Benachteiligung von Frauen, aber auch Covid-19 und die Liebe. Safiye Cans Gedichte fragen danach, was diese Pandemien mit uns machen, sie spüren dem nach, was diese uns vor Augen führen - oder führen sollten. Ob in Collagen, Formen konkreter und visueller Poesie, im Langgedicht oder in konventioneller Gestalt: Getragen wird diese Lyrik von Rhythmik und Klang, von unerwarteten Wendungen und Bildern. Das mitunter Schmerzliche, das in ihr zum Ausdruck kommt, wird so in einen einnehmenden musikalischen Ton überführt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.09.2021
Björn Hayer findet, Safiye Can hat ihre Chance schlecht genutzt. Cans Buch, das Erfahrungen aus dem Lockdown lyrisch verhandelt, Liebesverlust und Lernprozesse, erscheint ihm stellenweise wie wohlfeile "Glückskeks-Poesie", so wenn die Autorin duselige Sprichwörter und das Lob des Gesundheitswesens miteinander verbindet. Auch Cans Lamento über Nationalismus und Sexismus scheint Hayer eher fehl am Platz und verwässert die Sammlung. Am ehesten überzeugt ihn die Autorin noch in den Liebesgedichten über verpasste Küsse. Der nachdenkliche, persönliche Sound sagt Hayer zu.
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