Richard Yates

Ruhestörung

Roman
Cover: Ruhestörung
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2010
ISBN 9783421043931
Gebunden, 316 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anette Grube. John Wilder ist beruflich erfolgreich und mit einer ihn liebenden Familie gesegnet. Seine Abende verbringt er auf Cocktailpartys und die Wochenenden mit der Familie auf dem Lande. Alles scheint gut. Und doch flüchtet er sich immer öfter in den Alkohol - bis er sich nach einem Nervenzusammenbruch in der Psychiatrie wiederfindet. Was zunächst nur als kurze Zwangserholung gedacht war, wird unfreiwillig zu einem längeren Aufenthalt, denn es ist das Thanksgiving-Wochenende, und kein Arzt kommt zur Visite. Wilder verbringt fünf Tage in der geschlossenen Abteilung; eine furchtbare Erfahrung, die ihn dazu veranlasst, sich nach seiner Entlassung einen lange gehegten Traum zu erfüllen: Er möchte seine Erlebnisse verfilmen und entschließt sich, nach Hollywood zu gehen. Doch nicht alles läuft so glatt, wie er es sich vorgestellt hat, und bald greift er wieder zur Flasche.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.11.2010

Die Gnadenlosigkeit des Autors mit seinen mittelmäßigen Helden, denen er nach psychologisch und stilistisch gekonnter Beobachtung einigermaßen ungerührt den letzten Stoß versetzt, stößt Werner von Koppenfels nicht ab. Allerdings hält der furiose Auftakt dieses Romans, bei dem die Hauptfigur sternhagelvoll abstürzt, nicht, was er verspricht. Das ausgekugelte Leben renkt Richard Yates dabei gar nicht, den Plot nur dramaturgisch ächzend ein. Und liegt in Whisky und Wahnsinn auch Wahrheit und in diesem Buch für Koppenfels die berühmte Yates'sche Stilsicherheit und verbale Schärfe, so verdirbt eine undifferenzierte Übersetzung dem Rezensenten doch so manchen Satz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2010

Als wichtigste Wiederentdeckung in der amerikanischen Literatur bezeichnet Wolfgang Schneider diesen Autor. Wenn er das endlich auf Deutsch vorliegende "Trinker-Drama", den Roman  "Ruhestörung", vor sich hat, weiß er auch genau, warum. Zunächst ist da der rasante Einstieg, "wie eine Faust", die aus dem Buch kommt. Richard Yates, so erklärt uns der Rezensent atemlos, erzählt eine Tragödie, beginnend gleich mit dem vierten Akt, dem Horrortrip eines Psychiatrieaufenthalts des so unangenehmen wie faszinierenden Säufer-Helden nämlich. Dass diese Wucht beim Erscheinen des Buches 1975 keinen Erfolg hatte, kann Schneider verstehen, findet den Boden für Yates' sprachlich präzisen, lakonischen Realismus und seine bittere existenzielle Ironie aber heute umso besser bereitet. Wenn Yates das Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation mit trockenen Pointen garniert darstellt und seinen von einer aggressiven Impulsivität gebeutelten Schwerenöter vor einer "unaufdringlich wie markant" inszenierten 60er-Jahre-Kulisse agieren lässt, fühlt sich Schneider ganz offenbar bestens unterhalten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.06.2010

Ebenso subtil und feinsinnig wie schonungslos brachial findet Rezensent Christoph Schröder diesen Roman über ein schuldlos scheiterndes Leben, dessen Autor Richard Yates erst jetzt, fast 20 Jahre nach seinem Tod in den Olymp der amerikanischen Klassik aufzusteigen beginne. Die Romanhandlung setzt, wie der Kritiker schreibt, mit der Präsidentschaftskandidatur John F. Kennedys ein, und endet mit einem Zeitsprung ein Jahrzehnt später. In dieser Zeit ist ein Mann in der Psychiatrie gelandet und wieder entlassen worden. Das Ausgangs-Setting ist "eine wunderbar heile kaputte Familie" in den sechziger Jahren, der Mann von der Anlage her zwar kein Verlierer, doch psychisch krank. Die Beschreibung des Psychiatrie-Aufenthalts ist ein Meisterstück im Meisterstück, so Schröder, der besonders das Zügellose und die stets rumorende Sprache in diesem Buch hervorhebt. Im schizophrenen Protagonisten sieht der Kritiker den Autor ein wenig auch sich selber porträtieren.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.06.2010

Tief beeindruckt, nicht zuletzt von seiner überwältigenden Düsterkeit, ist Ursula März von Richard Yates' Alkoholiker-Roman "Ruhestörung", und das obwohl sie ihn nicht einmal zu dessen stärksten Werken zählt. Einen Hoffnungsschimmer sucht man in dem Buch, das gleich zu Anfang mit der Einlieferung der Hauptfigur John Wilder in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Bellevue-Krankenhauses einsetzt, vergebens, stellt die Rezensentin klar, die das Buch pointiert im Gegensatz zum Entwicklungsroman als Abwicklungsroman apostrophiert. Yates hat seine eigenen Erfahrungen im Bellevue gemacht, in das er immer wieder wegen seiner Alkoholsucht und psychotischen Episoden eingeliefert wurde, bis er 1992 starb, erklärt März. Sie stellt zwar eine "werkstatthafte Rohheit" an der Hauptfigur fest und notiert das "Hingeworfene" dieses Höllentrips, dafür liest sie dem Roman eine spezifisch europäische philosophische Haltung ab, die sie stark an Franz Kafka erinnert. Von Anfang an stellt "Ruhestörung" die absolute Sinnlosigkeit aller Versuche Wilders heraus, aus seiner Lebensmisere auszubrechen, was den Roman auch - bei aller soziokulturellen und zeitgeschichtlichen Präzision - vom bloßen Sozialroman ablöst und ins Existentielle hebt, so März gebannt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.05.2010

Diesem Autor gebührt ein Platz neben den großen amerikanischen Lakonikern Ernest Hemingway und Raymond Carver, befindet Rezensent Ulrich Rüdenauer endgültig nach Lektüre dieses Romans aus dem Jahr 1975 und lobt auch den publizierenden Verlag für das Wagnis, diesen verzweifelt intensiven Roman einem deutschen Publikum zugänglich zu machen: "ein Trip in die Hölle eines Madison-Avenue-Angestellten", wie Rüdenauer fasziniert von der "Melancholie des Misslingens" schreibt, die den Ton dieses Buchs und auch seinen Helden umweht. Aus dessen Darstellung lasse Richard Yates dennoch alles Poetische raus, keine Ausgewogenheit und wohlkomponierte Form gäben einem Leser Halt. Protagonist John Wilder versinke immer mehr in Alkohol und Wahnvorstellungen" und gehe schließlich "an seinen eigenen Lebensfantasien zugrunde." Man müsse nicht wissen, dass der Autor ein ähnliches Schicksal hatte, um von Unbedingtheit, Verletztheit, Gereiztheit und sprachlicher Unnachgiebigkeit dieses Romans gefesselt zu sein, so der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.04.2010

Puren Sarkasmus, nicht zu knapp, entdeckt Christopher Schmidt in diesem 1975 im Original erschienenen Roman von Richard Yates. Der abstürzende Held, Säufer, Don Juan, Großmaul, Choleriker, Mittelmaß, sehr sympathisch also, erinnert Schmidt an den Autor. Problematisch hingegen erscheint Schmidt die Schemenhaftigkeit der Figuren. Den Grund für die Erfolglosigkeit des Buches bei seinem Erscheinen führt er allerdings auf etwas anderes zurück: seine Unzeitgemäßheit. Dafür dass es heute wieder seine Leser finden dürfte, steht laut Schröder der Erfolg der Fernsehserie "Mad Men". Als Buch zur Serie, meint er, taugt Yates' in der Kennedy-Ära spielender "Absturz-Roman" ganz wunderbar.
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