Reinhard Jirgl

Die atlantische Mauer

Roman
Cover: Die atlantische Mauer
Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446198463
gebunden, 470 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Am Anfang der atlantischen Mauer steht eine Frau: aufgewachsen in Dresden, Ausbildung zur Krankenschwester in Berlin, Arbeit in der Psychiatrie, dann Jahre mit wechselnden Jobs. Als sich in der Nach-Wendezeit alle ihre Pläne zerschlagen, ringt sie sich zu einer radikalen Entscheidung durch und versucht, in New York eine neue Existenz zu beginnen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.04.2000

Jochen Hörisch bespricht den Roman im Rahmen eines ausgreifenden und lesenswerten Essays über ältere und neuere Berlin-Romane und hebt Jirgl dabei heraus, um ihn in den allerhöchsten Tönen zu loben: "Virtuoser, rhythmischer, anspielungsreicher, komplexer und zugleich eindringlicher ist in deutscher Sprache seit Johnsons ,Jahrestagen` nicht mehr geschrieben worden." Leider verliert der Rezensent dabei ein bisschen den Faden und vermag nicht zu erklären, was Jirgls Roman, der zum Teil in Berlin spielt, nun eigentlich Neues über die Stadt zu sagen hat. In seiner Begeisterung musste der Rezensent sein eng begrenztes Thema einfach sprengen: Für ihn ist "Die atlantische Mauer" mehr als nur ein "Berlin-Roman", er sieht darin - zum Beispiel im 75seitigen Monolog eines alten Serienkillers - "einen der sprachlichen Höhepunkte der deutschen Nachkriegsliteratur überhaupt". Anders als der taz-Rezensent Peter Walther sieht Hörisch in Jirgls Roman am Ende durchaus einen kleinen Hoffnungsschimmer aufblitzen: Jirgls Figuren wollten lernen, auf ein "Heilsverlangen" zu verzichten, um sich mit einem bescheidenen "Heilungsbegehren" zu begnügen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.03.2000

Fasziniert schreibt Peter Walther über diesen Roman - aber letztlich überwiegt doch die Kritik. Er bewundert, wie präzise Jirgl auf den ersten Seiten des Buchs die Grundkonstellation des Romans fügt. Eindringlich geht der Rezensent dann auf das stets totale Liebes- und Lebensunglück der Helden und Heldinnen ein- eine der Frauen wandert gar aus dem Westen in die DDR ein, um dem Vater zu entfliehen, der sie missbrauchte. Jirgl selbst schreibe, dass das Leben eigentlich nur verschiedene Perspektiven des Scheiterns biete, und dabei kenne er keine Nachsicht mit seinen Figuren. "Ein höhnisch-kalter Wind durchweht den Roman." Und gerade das gefällt Walther nicht: Er findet, dass Jirgls Buch letztlich in Indifferenz versinkt. Denn da Jirgl keinen Begriff vom Glück habe, sei er auch nicht fähig zu Tragik

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000

Große Töne schwingt und große Töne hält Martin Lüdtke auf einen Autor, dem das Prädikat "schwierig" anhaftet: "Solche Schriftsteller braucht das Land". Das ist einer, der sich "an den versteinerten Verhältnissen" und an der Sprache abarbeitet. Dafür seine eigene "sperrige Orthografie" und Syntax entwickelt. Anders als Walser & Co, schreibt Lüdtke, betrachtet Jirgl seine Figuren nicht als handlungsfähige Subjekte, sondern als distanzlose Objekte der Handlung, die sie - auch sprachlich - über sich ergehen lassen müssen. Jirgls pessimistische Weltsicht stoße ständig, wenn auch nicht mehr an die innerdeutsche, dann an eine "atlantische Mauer"; wo Jirgl der Ausblick fehlt, sieht Lüdtke Tiefgang.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000

Da kennt einer seinen Jirgl und ist ihm (eigentlich) wohlgesonnen: Ernst Osterkamp würdigt auf einer ganzen Zeitungsseite die "hohe Kunst der Dunkelmalerei" des Autors, der über eine Sprachgewalt verfüge wie wenige andere zeitgenössische Autoren. Wenn er am Ende den Autor auch weiter bewundern will für seinen sprachlichen Reichtum, so hält  ihn das nicht ab, seine Kunstfertigkeit zu demonstieren. Akribisch notiert Osterkamp zu Beginn, auf welcher Seite ein Lächeln erfolgt, hält sich an die Figur, die es zustande bringt und hofft auf eine Gestalt, die einmal die mit Ekel und Groll vermauerte Jirgl-Welt überwindet. Und obwohl sie das mit einer schlussendlich noch gelingenden Absetzbewegung nach New York (der erste Versuch schlägt fehl) tatsächlich schafft, ist sie derweil im "Jirgl-Blues" wieder zerredet und verschwunden. So schreibt Osterkamp der Geschichte, die in drei Teilen jeweils eine oder zwei der Figuren zu erzählen aufgegeben ist, ausführlich hinterher und nimmt sie derweil gleich auseinander: so hat ihn zum Beispiel die Passage des verrückt gewordenen Schauspielers enorm verärgert, da in der "Perspektive des Irrsinns" alle Differenzierung verlorengeht. Osterkamp kritisiert Jirgls Ironie-Resistenz und "Privatorthographie", die keinem Erkenntnisinteresse mehr diene. Er rät dem Autor auch, künftig dem Schweigen mehr zu trauen als der Rede des Ekels. Am Ende doch eher ein Verriss.
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