Rafael Chirbes

Alte Freunde

Roman
Cover: Alte Freunde
Antje Kunstmann Verlag, München 2004
ISBN 9783888973635
Gebunden, 238 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Wie gefährlich es ist, nostalgisch in die eigene Vergangenheit zu tauchen - diese Erfahrung machen die "alten Freunde", die sich treffen, um über alte Zeiten zu plaudern, als man gegen Franco und für die Revolution stritt. Die Jahre nämlich, die vergangen sind, seit Rita, Amalia, Elisa, Carlos, Guzman, Pedrito und ihre Genossen politische Verschwörungen anzettelten und von einer lichten Zukunft träumten, sie haben ihre tiefen Spuren hinterlassen. Die Freunde von einst sind einander fremd geworden. Aus Revolutionären wurden abgebrühte Bauunternehmer, Medienfunktionäre, Eurokraten, die sich in der modernen Gegenwart bestens zurechtgefunden haben. Einige hat es schlimmer erwischt. Und einige sind gar nicht erst gekommen. Rafael Chirbes ist nach "Der lange Marsch" und "Der Fall von Madrid" mit diesem letzten Teil seiner Trilogie aus dem Nachkriegsspanien in der Gegenwart angekommen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.01.2005

Meike Fessmann ist begeistert von diesem Roman, mit dem Rafael Chirbes seine "Spanientrilogie" abschließt. Die Handlung ist schnell erzählt: eine ehemalige "marxistisch-leninistische Splittergruppe" trifft sich in einem Madrider Restaurant und lässt die Jahre der Revolution Revue passieren. Chirbes Methode, verschiedene Figuren in Bewusstseinsströmen die Gegenwart und die Vergangenheit rekapitulieren zu lassen, macht es manchmal schwierig, die einzelnen Stimmen den Figuren zuzuordnen, räumt die Rezensentin ein. Doch ihrer Meinung nach verringert das weder die "Qualität" noch den Lesegenuss dieses Romans. Sie preist Chirbes als "raffinierten Autor", der genau weiß, dass es "widerwärtig und billig" wäre, die "eigenen Jugendideale zu verraten" und der auch weiß, dass die Welt nicht auf einen "weiteren Abgesang auf die kommunistische Utopie" wartet. Vielmehr skizziert der Autor die Vergangenheit als "zerklüftete Bewusstseinslandschaften", in denen die einzelnen Stimmen ein Stück spanische Geschichte aufscheinen lassen, so die Rezensentin, die Chirbes darin dem "großen" Antonio Lobo Antunes ebenbürtig sieht.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.01.2005

Die Rezensentin Anne Kraume ist sehr beeindruckt vom letzten Teil der Trilogie, in der sich der spanische Autor Rafael Chirbes mit Spaniens jüngerer Geschichte, vor allem mit den letzten Franco-Jahren (Francos Tod ist ein wichtiger Dreh-und Angelpunkt aller Romane) aus einer Gegenwarts-Perspektive befasst. Kraume ist begeistert davon, wie der Autor seine komplexe Materie bündelt und vielstimmig gestaltet. Dabei bleiben seine Analysen nichtsdestotrotz scharf. Er "arrangiert seinen ausufernden Stoff zu einer Art Sinfonie, bei der nacheinander die verschiedenen Stimmen einsetzen, sich ergänzen und sich widersprechen". Weil jeder der Protagonisten seine eigene Sicht der Dinge, seine "Lebenslügen und Geschichtsklitterungen" schildern darf, funktioniert der Roman nach Meinung der Rezensentin auf mehreren Ebenen: "Jedes Kapitel wird dadurch zu einer kurzen Erzählung, die auch für sich stehen könnte - aber jeder einzelne dieser Monologe wartet doch auch auf seine Ergänzung in dem folgenden". Das Ergebnis ist nach Kraumes Meinung ebenso "desillusionierend" wie "großartig".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2004

Rafael Chirbes versammelt Veteranen der revolutionären Kämpfe von 1968 um den Tisch eines Gourmet-Restaurants und lässt sie fragen: Was ist aus uns geworden? Was haben wir verloren? Was bleibt uns noch? Die Antworten sind nicht erbaulich, doch sie fügen sich nach Ansicht des Rezensenten Steffen Richter zu großer Literatur. Aus mehreren Gründen: Erstens gebe der Roman keine eindeutigen Antworten, gerate "weder zum flammenden Plädoyer für die Revolte noch zu ihrer Denunziationen". Zweitens sei es absolut brillant, wie Chirbes die Gespräch und Erinnerungen, Vergangenes und Gegenwärtiges und mehrere Stimmen zu einer Erzählung fügt, die komplett aus inneren Monologen besteht. Und drittens transzendiere er die Geschichte der politischen Desillusionierung, indem er sie "mit einem anderen Verlust" in Beziehung setze: "Den Protagonisten der Revolte ist das selbstverständliche Grundvertrauen in die Mitmenschen und schließlich der Glaube an die Liebe abhanden gekommen." Fazit: eine großartige, wenn auch "zutiefst pessimistische Bestandsaufnahme".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

Ergriffen beobachtet Katharina Döbler, wie Rafael Chirbes aus einem Treffen gealterter 68er "Funken schlägt". In einem Madrider Nobelrestaurant kommen die ehemaligen Mitglieder einer kommunistischen Zelle zusammen und erinnern sich an die Zeit voller Ideen und Ideale. "Erzähltechnisch brillant", notiert der verzückte Rezensent, wie Chirbes die Erinnerungen fließen lässt, angestoßen durch eine kleine Bemerkung oder eine Geste. "Ungefiltert und ungeschönt" erzählen die einstigen Revolutionäre von sich und ihrem Werdegang. Allein die Dialoge am Restauranttisch, "mit hinreißender Beobachtungsgabe" und "nur leicht satirischem Realismus" inszeniert, lohnen die Lektüre, meint Döbler, und führt das auf Chirbes' literarischen Lehrmeister Max Aub zurück. Im Finale seiner Trilogie über das Nachkriegsspanien erweise sich Chirbes als "feinfühliger Epiker", der aus den Splittern einzelner Leben Geschichte herausdestilliert und damit "Manifestationen des Zeitgeistes in Momentaufnahmen" schafft.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.09.2004

Maike Albath ist von Rafael Chirbes' neuestem Roman sehr angetan, nicht weniger als von seinen vorhergehenden. Der für Chirbes typische raue, dunkle Ton ist sofort da und berührt den Leser unmittelbar, schwärmt Albath. Für sie schwingt in diesem Ton das Wissen um Tod, um zerflossene Hoffnungen mit, aber auch ein trotziges Aufbegehren dagegen. Chirbes, Jahrgang 1949, wendet sich in seinen Romanen der politischen Vergangenheit seines Landes zu, sein literarisches Anliegen ist es, formuliert Albath, "die Traumatisierung durch den Bürgerkrieg" und die langen Jahre der Franco-Diktatur erzählbar zu machen. Auch in "Alte Freunde" geht es um eine Gruppe ehemaliger politischer Aktivisten, die einst mit Molotowcocktails gegen Franco gekämpft haben, dafür ins Gefängnis mussten und sich nun nach langen Jahren erstmals wiedersehen. Chirbes verzichtet auf eine übergeordnete Erzählerstimme, resümiert Albath, sondern entwickle ein Tableau innerer Monologe und gegenseitiger Kommentare, so dass jede Stimme eine eigene Färbung, jede Aussage verschiedene Interpretationen erhalte. Bei Chirbes gibt es stets mehrere Wahrheiten, stellt Albath fest, dennoch findet sie sein Fazit bestürzend: die wenigsten Spanier sind aus der Franco-Diktatur ohne Beschädigungen herausgekommen, die Ideale sind dahin, stattdessen herrschen Angepasstheit und der blanke Materialismus. Bewundernswert, sagt Albath, wie es Chirbes gelingt, sein Projekt der politischen Aufarbeitung in eine immer aufs Neue überzeugende ästhetische Form zu bringen.
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