Klappentext
Am 4. August 1966 zündet eine Gruppe Studenten, die Lebanese Rocket Society, eine Weltraumrakete - das Zeichen für eine blühende Zukunft des Libanon. Auf den Tag genau 54 Jahre später kommt es im Hafen von Beirut zu einer Explosion, die das gesamte Land erschüttert. Meisterhaft verknüpft Pierre Jarawan diese beiden historischen Ereignisse zu einer Kontinente verbindenden Familiengeschichte weit über das Schicksal des Nahen Ostens hinaus. Denn im kanadischen Montreal stoßen die Zwillingsschwestern Lilit und Lina auf Spuren ihrer unbekannten armenischen Großmutter Anoush ...
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2025
Beirut als Seismograf globaler Entwicklungen - so liest sich laut Rezensent Moritz Baumstieger sowohl Pierre Jarawans Roman als auch Charles Berberians Comic. Während Jarawan seine Protagonistin Lilith eine Reise in die eigene Familiengeschichte machen lässt, deren Spuren über den Genozid an den Armeniern bis in die libanesische Gegenwart reichen, verarbeitet Berberian eigene Kindheitserinnerungen - aus Bagdad, Beirut und Paris - zeichnerisch, erfahren wir. Beide Werke setzen sich mit der Stadt am Mittelmeer auseinander, die Zwischenstation vieler Migrationsbiografien ist und deren Geschichte voller Versprechen und Gewaltmomente steckt. Jarawan inszeniert einen Countdown zwischen dem ersten libanesischen Raketenstart 1966 und der Explosion im Beiruter Hafen 2020, die 300.000 Menschen wohnungslos machte. Berberian, lesen wir, arbeitet mit collagenhafter Bildsprache und Zeitüberlagerung. Dass ihre Arbeiten nicht nach der Schuld für das Versagen der Regierung in Bezug auf die Explosion 2020 fragen, sondern lieber zurückschauen, sei kein Manko, sondern - so der Kritiker - Ausdruck einer Erzähllogik, die den komplexen Schichten von Beirut gerecht werde.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 03.05.2025
Pierre Jarawan hat seinen Roman aufgebaut "wie eine Rakete", hält Rezensentin Dina Netz fest, das passt zu einem der Themen, die hier verhandelt werden, die Lebanese Rocket Society, einem Raumfahrtprogramm, an dem der Großvater der Protagonistin Lilit gearbeitet hat, die mittlerweile in Kanada lebt. Sie macht sich auf den Weg, ihre Familiengeschichte, insbesondere mit Fokus auf die armenische Großmutter, zu erforschen und "wie bei einer guten Baklava" ergeben sich immer mehr Schichten undurchdringlicher Familienvergangenheit, schildert Netz. Bisweilen drohe der Roman vor lauter auch politischer Themen inklusive Genozid an den Armeniern und Weltraumfahrten ein wenig aus dem Ruder zu laufen, insgesamt halte Jarawan die Fäden aber doch in der Hand. Für die Kritikerin ein Roman, der nicht nur die Identitätsfindung der Protagonistin beleuchtet, sondern auch den Libanon und dessen Entwicklung.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.04.2025
Rezensentin Cornelia Geißler fühlt sich wohl in Pierre Jarawans ausschweifender Romanwelt. Diese dreht sich unter anderem um zwei Explosionen, eine, die 1966 eine libanesische Rakete ins All beförderte, eine weitere, die 2020 große Teile Beiruts zerstörte. Die wichtigsten Figuren sind der Physiker Maroun el Shami und dessen Frau Anoush, deren Lebensgeschichte dieses Buch nacherzählt, und zwar aus der Perspektive von Lilit, der Enkelin der beiden. Anoushs Eltern waren Opfer des Genozids an den Armeniern, sie selbst wurde als Waise von einer kanadischen Familie adpotiert. Die Kapitel werden von 50 bis 1 rückwärts gezählt, wie beim Start einer Rakete, wobei die Erzählung selbst meist chronologisch voranschreitet. Manchmal arbeitet der Autor für den Geschmack der Kritikerin zu viel mit wiederkehrenden Motiven, Geißler hat den Roman jedoch trotzdem gern gelesen: Ihr gefällt die "süffige" Sprache Jarawans, die vielschichtige Erzählstruktur (die Jarawan selbst mit den Schichten eines guten Baklavas vergleicht) und die unterschiedlichen Motive und Abschweifungen, unter anderem zu Fritz Langs titelgebendem Stummfilm "Die Frau im Mond".
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