Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Florian Bissig. Als Phillis Wheatley 1773 ihr Buch "Poems on Various Subjects, Religious and Moral" veröffentlichte, schrieb sie in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Sie war die erste afroamerikanische Person, die einen Gedichtband publizierte. Und sie war Sklavin. Wheatleys Weg vom entführten Kind aus Westafrika zur Begründerin der afroamerikanischen Literatur war hindernisreich. Dass eine afroamerikanische Person Gedichte verfassen könne, musste der weißen Leseöffentlichkeit erst einmal bewiesen werden. Und auch die Kritik des publizierten Bandes war von rassistischer Abwertung geprägt - zu ihren größten Kritikern gehörte kein geringerer als Thomas Jefferson. Die Dichterin Wheatley orientiert sich formal am britischen Klassizismus, doch sie spricht mit eigenständiger Stimme und zeigt sich selbstbewusst in ihrer afroamerikanischen Identität. Sie macht sich für die Unabhängigkeit Amerikas von den Briten stark und entlarvt zugleich die Doppelmoral einer Sklavenhaltergesellschaft, die auf Freiheit pocht. Ihre hingebungsvolle Religiosität und Sehnsucht nach Transzendenz erhält im Hinblick auf das Leid der afroamerikanischen Bevölkerung besondere Bedeutung. Im Kanon der US-Literatur ist die Pionierin Wheatley inzwischen längst etabliert. Zum 250. Publikationsjubiläum ihres Gedichtbands wird ihr bahnbrechendes Werk und ihr bewegendes Leben endlich auch dem deutschen Lesepublikum zugänglich.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2023
Großartig findet es Rezensent Roman Bucheli, dass Phillis Wheatleys Gedichtband 250 Jahre nach der Ersterscheinung nun auch auf Deutsch verfügbar ist. Bucheli skizziert die Lebensgeschichte der Autorin, die 1761 als Kind von Sklavenhändlern in Westafrika gefangen genommen und in die amerikanischen Kolonien verschifft wurde. 1773 fährt sie, die inzwischen, ihrer Unfreiheit zum Trotz, eine umfangreiche Bildung genossen hat, nach London, wo sie sich mit Gegnern der Sklaverei trifft und wo auch ihr Gedichtband erscheint, erzählt der Rezensent, der aus Wheatleys Versen deutlich ein Bewusstsein für das historische Unrecht der Sklaverei und Freiheitssehnsucht heraushört. Daneben ist der Band laut Bucheli jedoch auch ein Beispiel für den Aufbruch der Literatur in der Moderne, etwa wenn neben der Vernunft auch der poetischen Macht des Traums gehuldigt wird. Schließlich findet auch die Übersetzung Florian Bissigs, der auch als Herausgeber fungiert, das Lob des Kritikers.
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