Der Hygienediskurs des 19. Jahrhunderts versprach "Gesundheit und ein langes Leben" - und konstruierte so den modernen Körper. Er entwickelte aus der antiken Grammatik physischer Differenz eine moderne Sprache der "Individualität". Er lehrte die Zeichen von Lust und Schmerz zu lesen, den Körper zu regulieren und ihn zu genießen. Sein heimliches, paradoxes Zentrum war der Reiz: Er ermöglichte "ächte Tätigkeit und ächten Genuss" und bedrohte im Exzeß Leib und Leben. Auf ihn konzentrierte sich die hygienische "Sorge um sich": Wer den Reiz kontrolliert, beherrscht seinen Körper - und damit sich selbst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2001
Die "spätmodern gestählte" Rezensentin hat das Buch nicht kühl gelassen: Tiefschürfend, reich und bizarr nennt Ursula Pia Jauch diese "Disziplinierungsgeschichte des Körpers" und den Autor einen "Meister der Synopsis wie auch des dramatischen Nacherzählens". Dass der bewusstseinsphilosophische Ballast um den Status des Körpers hier einmal beiseite gelassen wird, kann sie insofern also ganz gut verkraften. Fasziniert folgt Jauch dem historischen Blick auf Körpergeschichten und Diskurslagen und stellt fest, wie sehr es den Hygienikern stets um eine "funktionale Existenz jenseits des Exzesses" zu tun war. So in den Arbeiten des Leipziger Orthopäden Daniel Gottlob Schreber, dessen Entwurf einer "Normal-Curve" das Buch referiert. Die Geschichte des hygienischen Diskurses aber reicht bis in unsere Zeit: Sexualhygiene, Rassenhygiene, "Lebensstil für den Gen-Pool". Alles im Band.
Ach, wenn's in der wissenschaftlichen Welt ausschließlich solche Bücher gäbe! Josef Früchtl ist hin und weg. Und möchte diese Habilschrift zur Geschichte des Körpers außer den Kulturtheoretikern auch den Historikern am liebsten gleich auf den Schreibtisch legen. Nicht zuletzt deswegen will er das, weil der Autor seinen Foucault so bemerkenswert gut gelesen und mit dieser "umfangreichen und detailliert argumentierenden Arbeit" die erste große historiografische Monografie in dessen Geiste (methodisch wie inhaltlich) vorgelegt hat, ohne dabei - mutig, mutig - die Grenzen des "Foucaultschen Forschungsprogramms" zu verschweigen. Erst jetzt, so der Rezensent in Aufbruchstimmung, und ausgehend von dieser Früchtl in ihrer Unverkrampftheit schlicht umhauenden Studie, kann die deutsche Debatte um den Historiker Foucault wirklich beginnen. Ach so, allen, die sich für Geschlechterdifferenz, die Zweideutigkeit der Sexualität oder für das Waschen des Körpers und die Herausbildung des Athleten erwärmen können, sei das Buch gleichfalls empfohlen. Von Josef Früchtl.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001
Hans-Jörg Rheinberger hält Philipp Sarasins Diskursgeschichte über die Hygiene für einen großen Wurf. Der Autor leiste eine anschauliche Geschichte des öffentlichen Sprechens über den Körper, die zudem ein souveräner Umgang mit der umfangreichen diskurstheoretischen Literatur auszeichne. Am Ende entstehe ein neue Akzente setzender "Streifzug durch die Bade- und Waschliteratur der Hygieniker Deutschlands und Frankreichs" über anderthalb Jahrhunderte hinweg. Der Leser der Rezension fragt sich allerdings unwillkürlich, ob Sarasins Buch so ermüdend zu lesen ist wie diese, mit Bandwurmsätzen gespickte Kritik.
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