Wem Capri zu mondän und snobistisch wurde, der floh ins gegenüberliegende Fischerdorf Positano. An die Felsen geklebt, hielt der Ort statt Heiterkeit und Idylle tägliche Gefahren bereit. Mit seinen unzähligen Treppen und wuchernden Lehmdächern musste mindestens der Turmbau zu Babel das Vorbild geliefert haben. Und irgendwann hatte hier Odysseus den Sirenen getrotzt.Alma Mahler, Bertolt Brecht, Theodor Däubler, Hugo Ball und Emmy Hennings, Gerhart Hauptmann, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Paul Klee, Otto Pankok, Adolf Erbslöh, Anita Rée, Joe Lederer, Kurt Weill - sie alle kamen, manche blieben und lebten für Jahre dort. Man hatte ihnen "den Boden unter den Füßen weggezogen", wie es der Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel ausdrückte. Da passte dieses so unwirtliche wie anziehende Dörfchen, und so wurde Positano der kongeniale Ort für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Von seiner Strahlkraft verlor das Dörfchen weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus nichts bis zu seiner Popularisierung durch Prominente wie Liz Taylor.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.03.2022
Rezensent Stefan Fischer begibt sich gerne mit Philipp Cepl und Gertrude Cepl-Kaufmann auf die künstlerischen Spuren von Positano. Denn der mittlerweile vollständig "touristifizierte" Küstenort hat, wie Fischer liest, eine auch deutsch-künstlerische Tradition: Nach dem Ersten Weltkrieg ließen sich zahlreiche Kunstschaffende und Intellektuelle auf der Suche nach einer "mentalen Heimat" in dem damals leeren Fischerdorf nieder, darunter etwa Anita Rée, Alfred Sohn-Rethel, Else Rüthel oder Irene Kowalski - auch wenn es schlussendlich dann doch internationale Größen wie Pablo Picasso, Jean Cocteau oder Liz Taylor waren, die Positano berühmt machten, räumt Fischer ein. Wie das Autorenduo aber "fein verästelt" und doch "pointiert" die Geschichte des Ortes abschreite und zeige, welche "ideengeschichtlichen Fäden" dort damals zusammenliefen, findet der Kritiker dennoch spannend.
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