Hrsg. und kommentiert von Peter Urban. Das zaristische Rußland des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kannte kein öffentliches politisches Leben, und so brachten die bedeutenden Dichter und Denker des Landes ihre Ideale, ihre Vorstellungen des nationalen Lebens und ihre Kritik in der Literatur zum Ausdruck. Als politisch aktiver Mensch sowie als hervorragender Kenner der russischen Literatur gelang es Fürst Peter Kropotkin, diese spezifische Verquickung von literarischer Fiktion und sozialem und politischem Hintergrund aufzuzeigen. Kropotkins Literaturgeschichte umfaßt die Zeit von den Anfängen der russischen Literatur bis zu seinen Zeitgenossen wie Goncarov, Turgenev, Tolstoj, Dostoevskij und Cechov, mit deren Werk er sich besonders ausführlich beschäftigt. Auch Vergleiche mit der westeuropäischen Literatur fehlen nicht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2004
Für Michael Martens ist dieses wieder aufgelegte Buch von Pjotr Kropotkin bis heute eine der besten Einführungen in die russische Literatur. Der Rezensent feiert es zudem als ein spannendes Werk über Russland überhaupt, wo seiner Meinung nach "Geschichte und Literaturgeschichte noch weniger voneinander zu trennen sind als in anderen Ländern" und als "ein Roman über russische Romane und ihre Leser" und "schließlich auch ein Selbstbildnis eines ihrer originellsten Denker". Das Buch ist, wie Martens berichtet, aus Vorträgen über die russische Literatur des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, die Kropotkin 1901 in Boston gehalten hat. Martens lobt das "Talent zur Aussparung" des Autors, der "sein umfangreiches Lese- und Lebenswissen" darum "bequem auf weniger als fünfhundert Seiten" unterbringen konnte. Und weil Kropotkin nicht nur die russische Literatur gut kenne, sondern in vielen Fällen auch "die Wirkungen persönlich erlebte, welche die großen Romane des 19. Jahrhunderts im lesenden Russland hatten", seien außerdem, lobt der Rezensent weiter, Kropotkins "gelegentliche Abschweifungen meist mindestens so interessant wie sein eigentliches Thema". Da können dann selbst die "manchmal plüschigen literarischen Vorlieben" des Autors, und dass seine ästhetischen Kriterien "etwas Ohrensesselhaftes an sich" haben, den Wert des Buches für den Rezensenten nicht schmälern.
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