Pat Barker

Der Eissplitter

Roman
Cover: Der Eissplitter
dtv, München 2003
ISBN 9783423243513
Broschiert, 239 Seiten, 14,50 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Barbara Ostrop. Tom Seymour ist Psychologe und arbeitet vor allem mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Eines Tages sieht er einen jungen Mann in Selbstmordabsicht in einen Fluss springen. Seymour rettet ihn unter Lebensgefahr und merkt erst später, dass er den Jungen kennt. Es handelt sich um Danny Miller, gegen den er vor zwölf Jahren in einem Mordprozess als psychologischer Gutachter ausgesagt hat. Jetzt fragt er sich, ob es Zufall war, dass Danny ausgerechnet in der Nähe seines Hauses in den Fluss gesprungen ist...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2004

In einem Interview, so die Rezensentin Angela Schader, soll Pat Barker gesagt haben, das Böse sei, "wenn jemand extra einen Schritt zur Seite macht, um einen Käfer zu zertreten ? Es gibt keinen Grund, das zu tun, man muss sogar eine bewusste Anstrengung dafür unternehmen. Das ist böse." Doch gerade weil Barkers Roman nicht mit derselben Entschiedenheit dem Thema des Bösen begegnet, hat er die Rezensentin beeindruckt. Grundlage des Romans, so Schader, ist die wahre Geschichte zweier Zehnjähriger, die in den Neunzigern einen kleinen Jungen umbrachten, und deren Rückintegration in die Gesellschaft zum Problem wurde. "Sorgfältig" entwickele Barker die "moralische Ambivalenz" einer Täterfigur, die viele Jahre nach ihrer Tat unter anderem Namen versucht zu leben und von einem "gefälligen Buben" zu einem "gefährlich - weil bewusst - schönen und scharfsinnigen Geschöpf" herangewachsen ist, "in dessen Psyche Verzweiflung und Berechnung so nah beieinander liegen wie die Seiten einer Rasierklinge". Allen scheinbar eindeutigen Indizien zum Trotz verlaufe im ganzen Roman ein Prozess der permanenten "Verunsicherung", der jedoch gerade nicht von jedem Verdacht reinwasche, sondern sich zu einem "labilen Bau" zusammensetze, "der jeden Moment kippen kann". Barker, so die Rezensentin, vermag es, die "Parameter von Schuld und Unschuld" zum subtilen Wirrnis werden zu lassen, und lotet die "wahrnehmbare - aber durchlässige" Linie aus, die "das soziale Wesen Mensch vom Bösen trennt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2003

Mit ihrem achten Roman "Der Eissplitter" hat Pat Barker einen literarischen Thriller geschrieben, den Thomas David - abgesehen von einigen Abstrichen bei der Übersetzung - in höchsten Tönen lobt. Barkers gutes Renommee in England, wo sie 1995 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde, gründe auf ihrem ausgeprägten sozialen Blick und der Beharrlichkeit, mit der sie verborgene gesellschaftliche Ängste an die Oberfläche bringe, erläutert David. "Der Eissplitter" zeichnet in Form eines Kammerspiels das Psychogramm zweier Menschen, die in einer schwierigen Beziehung zueinander stehen: Tom ist Psychologe, der mit straffälligen Jugendlichen arbeitet; Danny ein Jugendlicher, der als Zehnjähriger für den Mord an einer alten Frau in verschiedene Anstalten kam. Danny fühlt sich als Opfer Toms und inszeniert nach 13 Jahren eine Wiederbegegnung, welche die professionelle Gelassenheit des Psychologen tief untergräbt und in einer Katastrophe zu endet droht, fasst David die Handlung zusammen. Tom versuche im Verlauf des Buches herauszubekommen, ob sich der junge Danny gewandelt habe, schreibt David. Der Leser erhält darauf wohl auch eine Antwort, die David nicht verrät. Ein Plädoyer für mildernde Umstände enthalte der Roman jedenfalls nicht, verrät David. Dass ausgerechnet das Mordopfer ausgesprochen unscharf bleibe, verschafft dem Rezensenten die "perfide Erkenntnis", dass sich alltägliche Gewalt häufig ganz willkürlich seine Opfer sucht.
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