1 Abbildung. Herausgegeben von Inge Thöns. Ein Jahrhundert liegt zwischen dem Essay "Camera Obscura", mit dem Norbert Miller die Fin de Siecle-Erzählkunst Ferdinand von Saars wieder heranholt, und dessen Arbeit an der meisterlichsten seiner Novellen. Miller führt geistreich, enthusiasmiert und mitunter ironisch amüsiert durch die Architektur der Erzählung, ihr politisches Kolorit aus den Jahren nach der Wiener Revolution 1848, den Umbruch der Gesellschaft, die psychologische Stimmungslage: "Schloss Kostenitz" ist eine politische Novelle. Dass Ferdinand von Saar darin tiefer in die Geheimnisse der Neurasthenie eindringt als in jeder seiner anderen Novellen, widerspricht diesem Anspruch nicht. In der Erkundungsphase der Psychologie, parallel zu den Pariser und Wiener Neurosenstudien behauptet sich der Autor, auf den von ihm bewunderten Sacher-Masoch gestützt, als ein Diagnostiker der Seele, der darin zugleich ein Diagnostiker der Gesellschaft ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.12.2000
Andreas Nentwich ist sehr angetan auch vom fünften Band der Reihe, die dem "genial-einfachen" Einfall zugrunde liegt, Autoren zur Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk der Vergangenheit zu bringen. Im vorliegenden Buch befasst sich der Germanist Miller mit der 1892 entstandenen Novelle "Schloss Kostenitz" von Ferdinand von Saar, die nebst einer Einführung zu Leben und Werk ebenfalls in dem Band abgedruckt ist. Der Rezensent, der zunächst ein Porträt des österreichischen Autors skizziert, wendet sich dann dem Essay Millers zu, dem er bescheinigt, "tiefenscharf" auch die politische und soziologische Dimension des auf den ersten Blick ganz der "Stimmungskunst" verschriebenen Werkes bloßzulegen. Auch wenn den Ausführungen Millers nicht ohne "Anstrengung" zu folgen sei, öffne der Autor erst den Blick für das erzählerische "Raffinement" von Saars Novelle und den darunter liegenden "Subtext", der die "Lähmung einer Gesellschaft" freilege.
Elke Schmitter bespricht in ihrer Rezension weniger die Erzählung Ferdinand von Saars (immerhin: ?einfach und doch raffiniert konstruiert?, findet sie), sondern primär den einleitenden Essay Norbert Millers - und zwar mit überschwänglicher Begeisterung. Miller ist es gelungen, eben das in Worte zu fassen, was vom Leser ?nur gespürt war und nicht bewusst ist?, erklärt sie und weist darauf hin, dass Miller nicht allein über den Text selbst spricht, sondern ?auch über unser Bewusstsein?. Darüber hinaus erfährt der Leser, dass Miller von Saar und seine Novellen nicht nur in die Nähe Stifters, Storms und Schnitzlers rückt, sondern dass er - offenbar hochgradig ansteckend - auch seine eigene Begeisterung für den Autor und seine Novellen zu vermitteln weiß.
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