Nils Westerboer

Lyneham

Roman
Cover: Lyneham
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN 9783608987232
Paperback, 496 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Henry Meadows wird zwölf, als die Erde stirbt. Mit seinem Vater und seinen Geschwistern reist er nach Perm, einem urzeitlichen Mond in einem fernen Sonnensystem. Henrys Mutter ist mit einem anderen Raumschiff geflogen. Sie wird von der Familie sehnsüchtig erwartet. Doch plötzlich mehren sich die Zeichen: Sie ist schon hier gewesen, vor langer Zeit. Und sie hat eine Warnung hinterlassen. Mit Hightech trotzt die erste und einzige Kolonie der Menschheit der Natur des Mondes Perm, die faszinierend und bedrohlich zugleich ist. Hier gibt es Berge, die in den Weltraum ragen, zwei Arten von Nächten und eine gefährliche, unsichtbare Tierwelt. Als Henry ankommt, ist die neue Heimat noch nicht "fertig": Die Atmosphäre ist giftig und enthält zu wenig Sauerstoff, ohne Schutz ist ein Aufenthalt im Freien tödlich. Irgendetwas hat das Terraforming Perms verhindert. Henrys Mutter Mildred kennt den Grund. Die Wissenschaftlerin hat sich entschieden, nicht mit ihren Kindern zu fliegen, sondern einen neuen Antrieb abzuwarten, mit dem sie ihre Familie um Jahrtausende überholt. Sie will für die bestmögliche aller Welten sorgen. Dazu legt sie sich mit dem mächtigen Leiter des Unternehmens an, der ein anderes Ziel verfolgt. Ein Kampf entbrennt, der über das Leben von Henry und seiner Familie entscheiden wird - viele tausend Jahre später.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.06.2025

Interessiert beschäftigt sich Rezensent Hartmut Kasper mit diesem Zukunftsentwurf. Nils Westerboers Science-Fiction-Roman spielt auf dem fernen Mond Perm, auf den die Menschheit, beziehungsweise ein Teil von ihr, geflüchtet ist, nachdem sie die Erde endgültig zugrunde gerichtet hat. Mit viel Einfallsreichtum beschreibt Westerboer Kasper zufolge die Eigenheiten dieses Mondes, der von unsichtbaren Tieren bewohnt wird und außerdem eine sogenannte Anomalie beherbergt, die dafür sorgt, dass sich keine Zivilisation nach menschlichem Maßstab entwickeln kann. Hauptfigur ist ein zwölfjähriger Junge, dessen Mutter auf der Erde zurückgeblieben war. Wie in den meisten guten Science-Fiction-Büchern geht es hier nicht um Zukunftsprognosen, sondern um eine genauen Blick auf unsere Wirklichkeit, die sich im Falle Kaspers als eine fundamental unbehauste erweist, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 14.04.2025

Ein Vater landet mit seinen drei Kindern auf einem fremden Planeten, auf dem nichts so ist wie erwartet, erklärt Rezensent Richard Kämmerlings die Prämisse von Nils Westerboers gelungenem neuem Science-Fiction-Roman: Perm heißt dieser Planet, auf dem die Weltraum-Kolonisten eigentlich eine gerechte Gesellschaft abbilden wollen, wo sich aber schnell zeigt, dass der menschliche Egoismus nicht auf der Erde geblieben ist. Das beginnt schon bei der Ankunft, wenn die Sauerstoffmasken nicht für alle ausreichen und der Vater eine andere Familie beklaut, um das Überleben der Seinen zu sichern, so Kämmerlings. Parallel wird die Geschichte der Mutter Mildred Meadows erzählt, so Kämmerlings, einer "Koryphäe der Astrobiologie", die zusammen mit dem skrupellosen Tech-Fürsten Noah Rayser den neuen Lebensraum für die Ankommenden vorbereitete. Rayser und Meadows Mission gerät schnell zu einer "weltraumethischen Grundsatzdebatte", bei der klar wird, dass Raysers Naturbeherrschung mit den ethischen und naturnahen Bestrebung der Forscherin nicht vereinbar ist: Zwei Visionen von Menschsein treten also hier zum intergalaktischen Kampf an, so Kämmerlings, und spiegeln dabei auf kluge Weise unsere Gegenwart. Gelungen findet der Rezensent hier zum Einen, wie Westerboer eine in ihren "biologischen und geologischen Details" überzeugende und faszinierende Welt geschaffen hat, zum Anderen, dass die Figuren durchgehend komplex angelegt sind. Auch Forscherin Meadows ist keineswegs ein einseitig guter Charakter. Hier stimmen also sowohl die "Science"- als auch die "Fiction"- Elemente, frohlockt Kämmerlings, der das Buch nachdrücklich empfiehlt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Rezensent Dietmar Dath ist voll des Lobes für Nils Westerboers "Lyneham": Mehr als dieser Autor habe bisher kaum jemand literarisch aus jener Wahrheit geschöpft, dass sowohl "menschliche Technik wider die Natur" ist als auch "göttliche Gnade" bzw. das Unsichtbare, Unerklärliche - Glück? - dem wir ohnmächtig gegenüber stehen. Ob wir eine solche Ohnmacht akzeptieren können, wenn von dem, was wir nicht sehen, verstehen, unterwerfen können, unser Überleben abhängt, fragt der Roman mit seiner Hauptprotagonistin, der Mutter und Wissenschaftlerin Mildred Meadows. Und zwar so "erhellend", erklärt Dath, wie nur Literatur es kann. Meadows soll einen nur mit "Gottes Gnade" belebbaren Mond für die Besiedlung vorbereiten, lesen wir. Ihre Konflikte dabei gehören zum Interessantesten, was die derzeit in "Hochblüte" stehende deutschsprachige Science-Fiction zu bieten hat, findet Dath. Da ist ihr innerer Konflikt zwischen Herz und Verstand, sowie der äußere, aus gegenwärtigen Diskursen extrapolierte Konflikt mit dem Wagniskapitalisten Rayser. Verstehen wollen beide, aber Rayser will im Gegensatz zu Meadows unterwerfen und ausbeuten, was er versteht, ganz wie die Elon Musks unserer Welt, beschreibt Dath, die diesen von ihnen kontrollierten Prozess dann als natürlich erklären. Eine unvergleichbare und differenzierte Reflexion über ethische und technologische Fragen unserer Gegenwart, so der begeisterte Rezensent.

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