Niklas Krawinkel

Rechter "Rand" und demokratische "Mitte"

Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945
Cover: Rechter "Rand" und demokratische "Mitte"
Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN 9783835359383
Gebunden, 460 Seiten, 42,00 EUR

Klappentext

Trotz ihrer politischen Randständigkeit konnte die extreme Rechte in der Bundesrepublik immer wieder an gesellschaftlich breit akzeptierte Vorstellungen anknüpfen und dadurch an Einfluss gewinnen. Extrem rechte Diskurse rücken immer stärker in die "Mitte" der Gesellschaft, so eine aktuelle Beobachtung. Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt allerdings, dass wechselseitige Bezugnahmen zwischen Akteuren der extremen Rechten und demokratischen Kräften keineswegs neu sind. Die extreme Rechte fand stets Anknüpfungspunkte an gesellschaftlich etablierte Vorstellungen und radikalisierte sie. Auf diese Weise gewann sie Legitimation für ihre Politik und Einfluss weit über ihr angestammtes Milieu hinaus. Niklas Krawinkel analysiert die Entwicklung der extremen Rechten und den Umgang mit ihr von den 1950er bis in die frühen 1990er Jahre anhand von vier Themen: Die extrem rechte Wiking-Jugend, die Theorie- und Debattenzeitschrift Nation Europa, die Rolle des ehemaligen Luftwaffenoberst Hans-Ulrich Rudel sowie mit Frankfurt am Main die Bedeutung von extrem rechten Akteuren in einem lokalen Umfeld. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.03.2026

Prinzipiell lobenswert findet Rezensent Bodo Morshäuser das Buch von Niklas Krawinkel: konsequent und an vielen Beispielen zeige der Autor hier auf, wie die demokratische Mitte schon seit 1945 der Rechten eine Boden bereitete, indem sie deren Aktionen und Ansichten "entpolitisierte, verharmloste und normalisierte". Angeführt werde dabei etwa der Fall des Bundestagsabgeordneten Erich Mende, der 1953 vorschlug, inhaftierte Kriegsverbrecher doch lieber vorbeugend selbst zu befreien, bevor dies durch rechte Gruppierungen geschehe. Auch um die Südtiroler Wiking-Jugend der sechziger Jahre geht es, die vom Münchner Bundestagsabgeordneten Josef Ertl verteidigt wurde, oder um ähnliche Mechanismen bei der Diskussion um die Wehrsportgruppe Hoffmann, Fußballhooligans oder in der Sozialarbeit. Wie Krawinkel diese Reflexe herausarbeitet, die bis heute "Früchte tragen", scheint dem Kritiker lobenswert. Eine "leichte Schieflage" in der Darstellung, die rechte Akteure stärker in den Fokus rückt als die der konservativen Mitte, schmälert für ihn den Wert der Analyse nicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2026

Nur teilweise überzeugt ist Rezensent Stefan Breuer von diesem Buch. Niklas Krawinkel widmet sich darin der extremen Rechten in Deutschland und verfolgt die Traditionslinien, die von der Massenbasis des NS-Staats über frühe Rechtsparteien wie die Deutsche Reichspartei, die Zeitschrift "Nation Europa" und die Wiking Jugend bis zu extrem rechten Organisationen und Bewegungen in der Gegenwart führen. Akteurszentriert geht Krawinkel dabei vor - eine methodische Herangehensweise, die Breuer durchaus zusagt, da sie es ermöglicht, die Entwicklung einzelner Verbände sehr genau darzustellen. Allerdings, moniert Breuer, gerät dabei die ideologische Analyse aus dem Blick. Binnendifferenzierung unterschiedlicher Formen von Rassismus bleibt Krawinkel etwa schuldig. Auch, dass Breuer nicht von "Rechtsextremismus", sondern von "extremer Rechter" sprechen möchte, leuchtet Breuer nicht ein. Insofern legt Krawinkel, schließt die Rezension, hier zwar einen wichtigen Forschungsbeitrag vor, dessen stark empirische Perspektive jedoch noch um systematischere Überlegungen ergänzt werden sollte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.02.2026

Rezensent und Historiker Werner Bührer erfährt von Holocaustforscher Niklas Krawinkel, welche Netzwerke der extremen Rechten sich von den 1950er bis 1990er Jahren bilden konnten und was die gesellschaftlichen Bedingungen dafür waren. Einen Fokus legt der Autor dabei quellenreich auf Hans-Ulrich Rudel, als Kriegsheld hochdekoriert und späterer rechter Agitator, die Zeitschrift Nation Europa und die Wiking-Jugend, die, wie Bührer erfährt, alle vor dem "sittlichen Verfall" Deutschlands warnen und mit Hass und Gewalt drohen. Die Wiking-Jugend habe vor allem als Kaderschmiede dienen sollen, besonders in den 1970er Jahren habe sie sich weiter radikalisiert und ab den 1980er Jahren auch die Schiene der Kultur als Betätigungsfeld erkannt. Dass diese Dinge nur geschehen konnten, weil die Behörden und Regierungen eine "Tendenz zur Bagatellisierung" an den Tag gelegt haben, davon berichtet Krawinkel für den Kritiker kenntnisreich und mit einem guten Blick für die Verflechtungen zwischen Rand und Mitte der Gesellschaft.