Nathaniel Philbrick

Im Herzen der See

Die letzte Fahrt des Walfängers Essex
Cover: Im Herzen der See
Karl Blessing Verlag, München 2000
ISBN 9783896670939
Gebunden, 320 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Andrea Kann und Klaus Fritz. Im Sommer 1819 sticht der Walfänger Essex von Nantucket, einer kleinen Insel vor der Küste Neuenglands, in See und nimmt Kurs auf Kap Horn. Im Pazifik, 40 Meilen südlich des Äquators, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Ein riesiger Pottwal, der scheinbar friedlich vor der Essex liegt, taucht frontal auf das Schiff zu und rammt es so heftig, dass es sinkt. Für die 20 Männer, die sich auf die Beiboote flüchten, beginnt eine beispiellose Odyssee: Drei Monate lang segeln sie in offenen, notdürftig aufgetakelten Booten über eine feindliche See. Sie trotzen Stürmen, widerstehen sengender Hitze, tagelangen Flauten und einer weiteren Walattacke. Sie leiden unter Hunger und Durst, versinken in Wahnsinn oder Apathie und schrecken schließlich nicht einmal mehr vor Kannibalismus zurück. Und so gleicht es einem Wunder, dass am Ende acht Männer die rettende Küste erreichen. Nathaniel Philbrick rekonstruiert nicht nur minutiös die Tragödie der Essex - er beleuchtet auch die wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe der großen Walfangzeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2000

Drei Bücher zu einem Thema bespricht Milos Vec in seiner Sammelrezension. In je unterschiedlicher Weise befassen sie sich mit einem Ereignis des Jahres 1820: dem Untergang des Walfängers Essex durch den Angriff eines Wals - ein Vorfall, der auch Hermann Melvilles Roman "Moby Dick" zugrunde lag.
1) Owen Chase "Der Untergang der Essex".
Als eher trockenes Brot des Erlebnisberichts beschreibt Milos Vec diesen sehr bald nach der Rettung entstandenen Text des Obermaats der Essex. Auch ein Ghostwriter habe daraus keine Literatur machen können, es bleibe bei der "spröden Aneinanderreihung der Tatsachen" - seinen Reiz hat es, so Vec, dennoch, und zwar im Vorauswissen des Lesers um die tragische Wendung, die die Ereignisse nehmen werden. .
2) Nathaniel Philbrick "Im Herzen der See".
Nathaniel Philbrick nähert sich dem historischen Ereignis mit Geist und Instrumentarium des Wissenschaftlers, der es ganz genau wissen will. Sozialpsychologie, so Vec, kommt ebenso zum Einsatz wie der Abgleich mit schrecklichen Hungerexperimenten der Amerikaner. Zwar sei Philbrick nur "der akkurate Buchhalter" des dramatischen Geschehens, dennoch sind seine Verdienste, wie der Rezensent feststellt, beträchtlich. Neue Quellen hat er ebenso gefunden wie es ihm gelingt, ein "dichtes, wissenschaftlich fundiertes Panorama" zu verfassen. .
3) Tim Severin "Der weiße Gott des Meeres".
Kein perfektes Buch, so der Rezensent, aber ein grandioses. Man darf sich nur durch die sich "in ihrer Einfalt überbietenden theoretisierenden Leitfragen" nicht stören lassen, denn dafür hat Severin unbestreitbare Qualitäten auf anderen Gebieten: er kann erzählen, "unvergleichliche Bilder" finden und "mit Detailschilderungen großartig fesseln" und nähert sich, so Milos Vec, in der "sakralen Überhöhung" des Wals beinahe sogar dem großen Hermann Melville. Erkennbar werde in seiner Darstellung auch die Stärke der Metapher, zu der das Unglück der Essex wird: es geht um die Umkehrung der Rollen von Jäger und Gejagtem, um das Zurückschlagen der ausgebeuteten Natur.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Hermann Melville hat in "Moby Dick" die traurige Geschichte vom Untergang des Walfängers Essex aus Nantucket im Jahre 1820 aufgeschrieben und so zu Literatur gemacht. An die historischen Vorgänge erinnern nun zwei neu erschienene Bücher, die Gerald Sammet in einer Doppelrezension bespricht.
1) Philbrick: "Im Herzen der See"
Nathaniel Philbricks Vorgehensweise erinnert den Rezensenten an die eines "Archäologen". Genau würden dokumentierende Fundstücke vermessen, so der Bericht von Owen Chase, Obermaat auf der Essex, das Notizbuch des Kajütenjungen Thomas Nickerson, Äußerungen des Kapitäns etc. "Moby Dick" ebenso wie Poes an das Ereignis angelehnter Erzählung "Arthur Gordon Pym" werden "gekonnt auf Distanz" gehalten. Philbrick, so Sammet, erzählt zwar auch, aber nie ohne Beleg, immer sachlich im Ton. Alles in allem erweise er sich als "Meister des Gegenständlichen".
2) Tim Severin "Der weiße Gott der Meere"
Der Autor Tim Severin wollte alles mit eigenen Augen sehen, erzählt Sammet. Auf den Spuren von "Moby Dick" hat er eine Reise unternommen, im Zentrum seines Interesses immer der weiße Wal. Sichtbar wird die Faszination, die dieser noch heute ausübt, so Sammet, wo Severin als Journalist nur über "Techniken, Begegnungen, die Bedeutung des Wals für unterschiedliche Kulturen" zu schreiben scheint. Mit eigenen Augen sieht Severin, was er nach der Lektüre der Fiktion selbst erkunden musste: diese ist der Wirklichkeit sehr nahe.
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