Mircea Cartarescu

Travestie

Roman
Cover: Travestie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421796
Gebunden, 171 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Der sensible, verschlossene Victor könnte ein Geschöpf von Marcel Prousts sein, so rauschhaft erfährt er die Welt, die ihn im krisenhaften Sommer 1973 umgibt: das Guthaus in Budila, wo er mit seinen Mitschülern die Ferien verbringt, den geheimnisvollen Park und das "Tal des Paradieses".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.07.2011

Für den Rezensenten Karl-Markus Gauß belegt dieser Roman eindrücklich, dass Mircea Cartarescu bereits vor seiner monumentalen Romantrilogie "Orbitor", die bislang nur in einem Band auf Deutsch vorliegt, ein "bedeutender Autor" war. Erzählt wird in einem Selbstgespräch zwischen einem Schriftsteller und seinem 17-jährigen Ich von einem 1976 im Ferienlager erlittenen Pubertätstrauma, das ein Kindheitstrauma aufdeckt, lässt der Rezensent wissen. Dabei überzeugt ihn das Buch nicht durch seinen kaum je ironisch gebrochenen Geniekult. Auch das Pubertätsdrama mit seinen "verschwitzten" Fantasien und Träumen fasziniert ihn nicht so sehr. Es ist vielmehr die Erzählkunst des rumänischen Autors, der in einer entfesselten Sprache und mit barocker Opulenz die Hölle der Pubertät beschreibt, so der hingerissene Rezensent. Großes Lob auch an Ernest Wichner, der den Roman adäquat ins Deutsche übersetzt habe.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.03.2011

Mircea Cartarescus Roman "Travestie" ist in Rumänien schon 1994 erschienen, man muss ihn also vor dem Hintergrund der Diktatur lesen, so Rezensentin Katharina Döbler. Worum geht's in dem Buch? Ein alter Schriftsteller erinnert sich an ein Sommerferienlager, in dem er als siebzehnjähriger empfindsamer Dichter von einer Horde testosterongeschüttelter Jungen umgeben war. Das besondere an diesem Roman, der ganz von Cartarescus poetischer Sprache lebt, ist für Döbler die Zeichnung des Dichters als Auserwählter, von der Masse abgesonderter, der sein Ich entschieden gegen "die Zumutung jedweder Normalität" verteidigt. Es gibt keine Ironie, keine Distanzierung und dies, so Döbler, unterscheidet die osteuropäische Literatur - noch - von der durchglobalisierten Literatur des "Westens". Der heutige Leser empfindet diese Absolutheit der Gefühle als "sehr fremd", aber Döbler ist ganz offensichtlich auch sehr beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.01.2011

Andreas Breitenstein feiert Mircea Cartarescus Adoleszenzroman "Travestie" aus dem Jahr 1994 geradezu hymnisch als frühes Meisterwerk und preist den rumänischen Autor als Säule der europäischen Literatur. Ein Ich-Erzähler erinnert sich darin an eine Klassenfahrt von 1973, bei der sich der 17-jährige Gymnasiast in einen geradezu psychotischen Wahn hineinsteigert und ein sexuelles Trauma erlebt, das ihn letztlich zum Dichter macht, erfahren wir. Breitenstein ist fasziniert von den halluzinatorischen Bildern, der atmosphärischen Dichte und der poetischen Kraft dieses Höllentrips in die Niederungen der Pubertät, und er bewundert die dichterischen Funken, die Cartarescu aus diesem in Romantik und Expressionismus so gründlich beackerten Feld zu schlagen vermag. Zudem glaubt der Rezensent, noch nie so "drastisch" über Hermaphroditismus gelesen zu haben, der die Wurzel dieses Jugend- und Künstlerdramas bildet, das ihn tief in den "Schlund vulkanischer Gefühle" riss. Dieser Roman bestärkt Breitenstein in seinem Glauben an den "heiligen Furor der Poesie".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2010

Wolfgang Schneider, für den der rumänische Autor Mircea Cartarescu ohnehin ein Meister der "morbiden Fantastik" ist, lässt sich auch von seinem jüngsten Roman, einer Horrorgeschichte um Adoleszenz und Geschlechteridentität, tief in den Bann ziehen. Der 1956 geborene rumänische Autor erzählt von einer Klassenfahrt Bukarester Gymnasiasten, während derer der 17-jährige Victor sich dem "klassischen Drama" der Pubertät und einem peinigenden Erlebnis geschlechtlicher Verwirrung ausgesetzt sieht, das er noch Jahre später zu verarbeiten sucht, erfahren wir. Dies sei keine herkömmliche Adoleszenzgeschichte, sondern ein mit Halluzinationen und Horrortrips durchsetzter Parforceritt, der sich mitunter wie ein "Übungsparcours für Freudianer" ausnimmt, allerdings ohne entsprechenden Jargon, schwärmt der faszinierte Rezensent. Sprachlich vielschichtig und opulent, dabei völlig ironiefrei und unerschrocken pathetisch führt "Travestie" schmerzhaft die "Fratzen der Pubertät" vor und evoziert damit auch ungute Erinnerungen an eigene Erfahrungen, so Schneider zwar etwas mitgenommen, aber nichtsdestotrotz sehr gefesselt.