Klappentext
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Claudia Dathe. Rebellierend und flanierend proklamiert der Futurist Mychail Semenko eine Revolution in Gesellschaft und Sprache. Der ukrainische Futurist Mychajl Semenko begehrt auf: gegen traditionsverhaftetes Denken in seinem Land, gegen das Verharren im gesellschaftlich Überkommenen. Gegen den Nationaldichter Taras Schewtschenko wettert er: "Ach, mit dir ist es öde … Ich will nicht mit dir reden. Ich schäme mich für dich, Mann …" Semenko schält sich aus der Tradition heraus und entwirft in seinen Manifesten gattungsverschränkende, dynamische Kunstformen. Er erschafft eine moderne, urbane Poesie, mit der er insbesondere Erhabenes und Alltägliches im Kyjiw der späten 1910er und frühen 1920er Jahre facettenreich einfängt. Semenkos Lyrik spiegelt in ihren Blicken, Rufen und Rhythmen die Unwägbarkeit und Dramatik der Revolutions- und Kriegsjahre. Mit seiner radikal widerständigen Suche nach Erneuerung und seinem Glauben an die gesellschaftsverändernde Wirkung der Kunst steht Semenko symbolisch für den Aufbruch der ukrainischen Kultur in den 1920er Jahren - ein Aufbruch, der mit der sich festigenden totalitären Herrschaft Stalins in den 1930er Jahren ein jähes Ende findet-
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 09.07.2026
Für den Rezensenten Nico Bleutge ist der Dichter Mychail Semenko "der große Neuerer der ukrainischen Literatur", dessen Verse politische Wut und Sprachkunst vereinen. Aus den futuristischen Einflüssen hat er seinen eigenen Stil geformt, den "Quero-Futurismus", wie wir lesen, in dem die Bewegungen der Großstadt ihr künstlerisches Echo finden sollten. Rauschhaft schreibt er nach dem Ersten Weltkrieg von "Meteorbahnen", die die ukrainische Sprache schlägt, die "Funken girlandener Wörter" regen Bleutge auch heute noch an. Er hat sich zwar für die Verbreitung des Ukrainischen eingesetzt, stand dem Nationalismus aber kritisch gegenüber, später experimentierte er mit visueller Poesie. Als die stalinistischen Repressionen begannen, geriet er ins Visier von Stalins Schergen und wurde 1937 in Kiew erschossen. Herausgegeben wurde der Band von Claudia Dathe und Serhij Zhadan, denen der Kritiker unumwunden das Talent zuschreibt, einen wunderbaren Weg durch Semenkos Gesamtwerk nachgezeichnet zu haben, der sich auch fast neunzig Jahre nach seinem Tod zu entdecken lohnt.
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