Michail Schischkin

Briefsteller

Roman
Cover: Briefsteller
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2012
ISBN 9783421045522
Gebunden, 384 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Eine Frau, ein Mann, eine Sommerliebe. Sascha und Wolodja werden durch einen Krieg getrennt und können sich nur Briefe schreiben. Sie erzählen einander darin von allem und jedem: von Kindheit, Familie, Alltag, von Freud und Leid. Ein normaler Briefwechsel zweier Liebender - bis sich beim Leser Zweifel regen und klar wird, dass die Zeit der beiden ver-rückt ist, dass sie durch Raum und Zeit getrennt sind. Sie lebt in der Gegenwart, er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen. Er stirbt in einem der ersten Gefechte dieses halb vergessenen Krieges, aber seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, verliert ein Kind - und schreibt ihm unbeirrt weiter, als ob eine Parallelwelt bestünde, als ob die Zeit keine Rolle spielte, ebenso wenig wie der Tod.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.12.2012

Bei Schischkin spielt die Zeit verrückt, notiert Lothar Müller, der das schon in Schischkins vorangegangenem Roman "Venushaar" beobachtet hatte und nun im vorliegenden Briefroman deutlich bestätigt sieht, in dem Briefe eines russischen Soldaten von der Front selbst dann noch eintreffen, nachdem er bereits im Feld gefallen ist - wobei Müller sich nicht ganz im Klaren ist, ob die Geliebte zuhause oder der Leser des Buchs deren Adressat ist. Wenn der Autor dieses Romans über die paradoxale Zwischenstellung des Briefs, der einen Dialog nur als Monolog führen lässt (es gebe keine Antwortbriefe in diesem Buch, fügt Müller an), sich selbst in der Tradition der großen russischen Literatur verortet, so geschieht dies mit Recht, pflichtet der Rezensent bei: In seiner sprachlich lebendigen Schilderung des modernen Krieges steht Schischkin Stendhal und Tolstoi in nichts nach. Ein Lob geht im übrigen auch an den Übersetzer Andreas Tretner für sein "sehr lebendiges Deutsch".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2012

So schön kann nur ein Russe schreiben, seufzt Sabine Berking hemmungslos angesichts dieses ihr zunächst gar nicht leicht erscheinenden Romans von Michail Schischkin. Dass Schischkin traditionsbewusst den Briefroman aufleben lässt, ist für Berking eine Sache. Dass er dabei das Kunststück vollbringt, das harmlose Gezwitscher einer verliebten Frau mit dem von furchtbarem Leid zeugenden Ton eines Soldaten im Feld, der über den Krieg philosophiert, kurzzuschließen, scheint ihr allerdings genial. Zeitläufe und Intimes sieht die Rezensentin in dieser rührenden Korrespondenz vereint, und alles in federleichter (laut Berking meisterlich übersetzter) Sprache. Esoterik? Ach was!
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.11.2012

Auch wenn Rezensent Jörg Plath Michail Schischkin als herausragenden Autoren schätzt, muss er gestehen, dass er mit seinem neuen Roman "Briefsteller" nicht ganz glücklich ist. Zwar gefällt dem Kritiker die Idee, dass sich ein Liebespaar über den Tod hinaus Briefe schreibt: Auch nach seinem Tod beim chinesischen Boxeraufstand im Jahre 1900 schreibt Wolodja seiner Geliebten Sascha weiterhin "anekdotisch-philosophische" Briefe über die Trennung, die die zurückgebliebene Sascha, die inzwischen geheiratet und ihr Kind verloren hat, auch beantwortet, berichtet der Rezensent. Leider muss Plath aber feststellen, dass sich der Briefwechsel bald zu zwei bezuglosen Monologen entwickelt, in denen Sascha vom Alltag und Wolodja allzu vorhersehbar von den Grausamkeiten des Krieges berichtet. Dennoch hat dieser Roman, der ganz nebenbei auch von großen Themen wie Liebe und Krieg, Geburt und Tod erzählt, den Kritiker durchaus gut unterhalten.