"Der Fall Selpin" schildert minutiös einen der größten Filmskandale des Dritten Reichs. Basierend auf den noch erhaltenen Protokollen des Münchener Spruchkammerverfahrens aus dem Jahre 1947, ergänzt durch Aufzeichnungen des sogenannten Ehrengerichts bei Joseph Goebbels sowie um neue Aktenfunde zeichnet Friedemann Beyer detailliert nach, wie Herbert Selpin (1902-1942) zum Denunziationsopfer eines fanatischen Nazi wurde. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der Fall Selpin sehr viel komplexer und widersprüchlicher ist, als lange angenommen und eine beispielhafte menschliche Tragödie darstellt. Die wahre Geschichte einer Denunziation. Wenn das Private politisch wird: Ein Einzelschicksal als beispielhafte Parabel auf das Leben in einer Diktatur.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.01.2012
Interessanter Fall, dieser Fall des Herbert Selpins. Daniel Kothenschulte hat denn auch mit Spannung das Buch von Friedemann Beyer gelesen, dessen Recherche-Ergebnisse Kothenschulte beeindruckt haben: Selpin war einer der erfolgreichsten und NS-Propagandafilmer, der sich mit Dramen wie der "Titanic" oder "Carl Peter" um das Regime verdient machte. Offenbar war er aber auch eitel und cholerisch, weswegen er in einem Tobsuchtsanfall über die "Arschlöcher" der Luftwaffe oder die "Scheißer auf ihren U-Booten" herzog. Ein Unterling denunzierte ihn prompt wegen Wehrkraftzersetzung, Selpin erhängt sich im Gefängnis. Diese Geschichte findet Kothenschulte hervorragend rekonstruiert, was ihn nicht überzeugt, ist der Blick des Autors auf Selpins Filme, deren propagandistischen Gehalt der Autor nach Ansicht des Rezensenten unterschätze, wodurch Selpin in dieser "Chronik einer Denunziation" fast zu einem Opfer werde.
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