Michael Burleigh

Die Zeit des Nationalsozialismus

Eine Gesamtdarstellung
Cover: Die Zeit des Nationalsozialismus
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783100090058
Gebunden, 1088 Seiten, 44,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Udo Rennert und Karl Heinz Silber. Für den britischen Historiker Michael Burleigh ist der Nationalsozialismus ein Phänomen, das bei all seinen spezifisch deutschen Eigenschaften ohne einen breiten europäischen Kontext nicht verstanden werden kann. Gerade mit einer solchen Perspektive gelingt es ihm, die singulären Züge des NS-Systems herauszustellen; gleichzeitig wird deutlich, wie sehr auch die europaweite Krise von Demokratie und Liberalismus die inhumane Politik der Nationalsozialisten begünstigte. Es geht dem Autor um Politikgeschichte, und es geht ihm vor allem um Ideen und Wertvorstellungen: Die NS-Bewegung war gleichsam religiöser Natur, ihr Erfolg hatte damit zu tun, dass sie den Menschen weit mehr als nur materielle Besserstellung versprach. "Das Buch befasst sich mit Wandlungen moralischer Klimata; der Anziehungskraft einer Politik des Glaubens; der für den Nationalsozialismus spezifischen Mischung aus Träumen, Mythen, Ethno-Sentimentalität, bürokratischer und wissenschaftlicher Rationalität; und dem rauschhaften Sturz in eine beispiellose Kriminalität" (Michael Burleigh).

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2000

Mit einem hohen Anspruch belegt Michael Burleigh sein jüngst erschienene Studie zum Nationalsozialismus. Eine "Gesamtdarstellung" soll sie sein. Ob ihm dies gelungen ist, diskutiert Sybille Steinbacher in der gut strukturierten und verständlichen Besprechung dieses mehr als tausend Seiten umfassenden Wälzers. Sie beginnt zunächst mit den Vorzügen, auch wenn sie dabei konstatiert, dass die Studie, anders als vom Autor intendiert, nicht "tiefenanalytisch" sei. Der Schwerpunkt liege eher auf der anschaulichen Erzählung. Steinbacher lobt die kenntnisreichen Ausführungen und die "ausgewogene Argumentation". Zu den Leistungen der Studie gehöre es vor allem, "den Focus auf die überfallenen Staaten zu richten, um die Reichweite des deutschen Terrors zu erfassen". Hier endet aber auch bereits die positive Bilanz des Buches und eine Reihe von Kritikpunkten folgen, die die Rezensentin eher zu einem negativen Gesamturteil tendieren lassen. Steinbacher sieht eine wesentliche Schwäche des Buches in der dürftigen Analyse der Phänomene. Burleigh charakterisiere z.B. den Rassismus als "politische Dimension", seine Erklärungen hierzu seien jedoch nicht geeignet, die "'psychologischen Urgründe' des Fanatismus" zu erfassen. Steinbacher moniert weiterhin Burleighs direkten Vergleich zwischen dem Hitler- und dem Stalin-Regime, ohne die beiden totalitären Systeme zu untersuchen. Irritiert konstatiert sie eine antikommunistische Polemik Burleighs. Weiterhin wirft sie ihm Einseitigkeit in der Gewichtung der Gruppierungen vor, die Widerstand gegen Hitler geleistet haben. Alles zusammen führt laut Steinbacher zu einem diffusen Bild des Nationalsozialismus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.11.2000

Hans Maier, Kulturphilosoph und ehemaliger Kultusminster von Bayern, macht eine starke Behauptung: "Wir wissen nun fast alles über das Dritte Reich." Schränkt aber gleich ein, dass der Bedarf an "Deutungen" der "Fakten" nach wie vor sehr groß ist und lässt in seiner gediegenen Besprechung keinen Zweifel daran, dass Burgleighs Versuch zu den bedeutenden gehört. Als "Urteilsmaßstäbe" des Autors identifiziert er "individuelle Freiheit, das moralisch-soziale Klima einer Gesellschaft, die Rationalität politischer Entscheidungen". Burleighs Interpretament sei der Totalitarismus als (pseudo-)religiöses Phänomen. Dabei knüpfe er überzeugend an eine Deutungstradition der 30er Jahre an (Eric Voegelin), die u.a. mit Saul Friedländer weitere Befürworter hat. Maier weist darauf hin, dass der Verfasser im Sommer diesen Jahres die Zeitschrift "Totalitarian Movements and Political Religions" mitbegründet hat, die von "Historisierung" der "totalitären Versuchung" (Bracher) nichts wissen will und sich beispielsweise schon zur Genetik-Diskussion geäußert hat. Burleighs Buch aber eröffnet mit einem "kräftigen Paukenschlag das Feld der Deutungen des Nationalsozialismus ? aufs Neue."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

`Endlich`, hört man Klaus Hildebrand in seiner Rezension rufen, schreibt das mal jemand. Hildebrand findet Burleighs Darstellung des Nationalsozialismus als totalitäre Herrschaftsform und säkularisierte Religion absolut treffend. Schluss mit dem neumodischen Geschichtsschnickschnack! Burleigh widerspricht `auf überzeugende Art und Weise`, so Hildebrand, all jenen Historikern, denen die `Taten und Exzesse der Nationalsozialisten als strukturelle Ergebnisse einer aus Rand und Band geratenen gesellschaftlichen Dynamik` gelten. Und auch die federführende Rolle Hitlers sieht Hildebrand vernünftig dargelegt. Vor allem aber könne Burleigh nachweisen, dass die nationalsozialistische Politik `im Machtzentrum in Berlin gemacht wurde`, zitiert Hildebrand zustimmend den Autor.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.10.2000

Zu lang ist das Buch dem Rezensenten Michael Wildt, der ganz allgemein eine Tendenz der Historiker zu voluminösen Gesamtdarstellungen beklagt: `Wer, bitte, soll das alles lesen?` Aber die Länge des Buchs hätte Wildt wohl nicht gestört, wenn Burleigh, wie versprochen, einem an Eric Voegelin orientierten Ansatz gefolgt wäre und die `Geschichte einer politischen Religion` geschrieben hätte. Denn überall dort, wo sich Burleigh diesem Ansatz nähert, wo er etwa über `Volksgemeinschaft` oder die `Utopie der Züchtung der Besten` schreibt, ist Wildt von Burleighs Darlegungen angetan: Hier gelinge es ihm, neue Aspekte zu finden und zu zeigen, wie eine mit religiösem Pomp überhöhte Ideologie ihre Anhänger dazu brachte, sich von üblichen moralischen Bedenken zu lösen, um im Namen einer behaupteten Überlegenheit nach `Reichtum und Allmacht` zu streben. Leider aber, so scheint es, hält Burleigh diesen Ansatz nicht durch und verfällt in vielen Kapiteln - eben weil er sich zu einer Gesamtdarstellung genötigt fühlt - in eine `altbekannte, konventionelle Parteigeschichte` zurück. Und hier wird er nach Wildt selbst gesetzten Ansprüchen nicht mehr gerecht - selbst Joachim Fest habe in seiner Hitler-Biografie die Inszenierung von Reden und Parteitagen genauer analysiert. Auch bei den Kapiteln über die Militärgeschichte und über den Holocaust findet Wildt wenig Neues. Hier verweist er auf die Arbeiten von Ian Kershaw, Saul Friedländer und Götz Aly.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

Christoph Jahr ist in seiner luziden Kritik zwiegespalten in der Bewertung einer der - im Verhältnis zur Zahl der Einzeluntersuchungen - gar nicht so zahlreichen Gesamtdarstellungen des Nationalsozialismus. Zugute hält er dem englischen Historiker Michael Burleigh die Fortführung der Deutungstradition als “politische Religion” und einen differenzierten Totalitarismus-Ansatz, der bewusst den Vergleich mit dem Stalinismus sucht, ohne die Einmaligkeit des Nationalsozialismus in Frage zu stellen. Problematisch findet er aber, dass auf schlappen 1054 Seiten sozialgeschichtliche Aspekte - willentlich - ausgeblendet werden. Denn das Konzept der “politischen Religion” ist genau darauf angewiesen, wenn es nicht nur die “Priester”, sondern auch die “Gläubigen” verstehen will. Zudem trägt das Konzept, so Jahr, auch nicht zur Erklärung des zentralen Phänomens, der “rassischen Neuordnung und des Lebensraumkrieges” bei. Trotzdem: Die “moralische Verheerung” ist in seltener “Eindrücklichkeit” dargestellt.
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