"Die Töne, heraufbesungen an Klagemauern" aus Matthias Hermanns erster Lyriksammlung "72 Buchstaben" schwingen auch in diesem Band "Der gebeugte Klang" mit - und weiter noch. Die babylonische Erstkatastrophe und die versuchte gänzliche Vernichtung des europäischen Judentums werden verdichtet zur poetischen Anamnese: "Schwer stehen / Die Psalmen im / Gebeugten Klang." Matthias Hermann, Jude und Deutscher, ist gewiss einer, der erinnert und warnt, aber eben nicht verharrt in der für ihn gegenwärtigen Vergangenheit, sondern couragiert Position bezieht, der sich einmischt und der gerade auch im katastrophalen Verhältnis Israel und Palästina nach wie vor und unbeirrt auf Austausch und Verständigung setzt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.05.2003
"Weck- und Mahnruf" sind für Rezensent B. En. die Texte von Matthias Herrmann. Die vielleicht unlösbare Aufgabe, die Ermordung der europäischen Juden lyrisch angemessen zu beschreiben, findet der Rezensent nicht immer gut gelöst. Hier und da scheint ihm der Autor geschmacklich etwas unsicher, und manche der sprachlichen Bilder seien für die Thematik gar zu schön geraten. Angetan ist der Rezensent jedoch von den vielen unterschiedlichen Formen, die Hermann findet: vom gereimten Brief über die "freie poetische Aufzeichnung" bis zur "Großstadt-Moritat". Zumindest einige der Liebesgedichte seien auch "lyrisch" gelungen, und für andere Verse attestiert der Rezensent dem Dichter eine "Sprache mit Nachhall". Das größte Lob kommt am Schluss: In einem Gedicht erweise sich Hermann "fast als ein jüngerer Bruder" der Lyrikerin Mascha Kaleko.
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