Martin Beradt

Die Straße der kleinen Ewigkeit

Roman
Cover: Die Straße der kleinen Ewigkeit
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783821841908
Gebunden, 369 Seiten, 25,31 EUR

Klappentext

Heute ist das Buch verschollen wie die Welt, von der es handelt. Das Berliner Scheunenviertel, heute im falschen Glanz der Nostalgie ein Treffpunkt der Szene, war in den zwanziger Jahren die Zuflucht der armen jüdischen Einwanderer aus Osteuropa. Zionistische Vereine, hebräische Buchhandlungen, Talmudschulen und Synagogen Tür an Tür mit Kaschemmen, Puffs und Trödlerläden - niemand hat dieses Großstadtghetto zärtlicher und unbeschönigter beschrieben als Martin Beradt. Stets bedroht von Razzien, Plünderungen und Rollkommandos lebte das Scheunenviertel schon in den zwanziger Jahren im Schatten seiner bevorstehenden Auslöschung, und heute liest sich jede Zeile des Romans, mit Günter Kunerts Worten, wie ein unheimliches Menetekel.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2001

Beatrix Langner nutzt die Besprechung der beiden Romane, um allgemein die Situation von Juden in Berlin vor 1933 zu beschreiben. Sie empfiehlt, die beiden Bücher zusammen zu lesen, da sie zwei Seiten jüdischen Lebens beleuchteten. Auch finde man in beiden Büchern Argumente für eine internationale zionistische Bewegung.
1.) Sammy Gronemann: "Tohuwabohu"
Diesen Roman, der bereits 1920 in Berlin erschien und nun neu aufgelegt wurde, lobt die Rezensentin als präzisen Blick auf die "Nahtstelle zwischen assimilierten und traditionellen Judentum". Er spielt auf "engstem Raum", nämlich im Berliner Scheunenviertel und beleuchtet, so Langner, vor allem das Zusammentreffen der ansässigen Juden mit den meist bettelarmen Zuzüglern aus Osteuropa. Gronemann schildere auch, wie erfinderisch Letztere waren, um ihren Glauben mit kapitalistischen Geschäftspraktiken unter einen Hut zu bekommen.
2.) Martin Beradt: "Die Strasse der kleinen Ewigkeit"
Dieser Roman, der ebenfalls im Berliner Scheunenviertel spielt, zeigt die Innenperspektive jüdischer Gemeinschaft, wie Langner meint. Die Rezensentin weist auf die "sanfte Melancholie jiddischer Alltagspoesie" hin, die den Ton dieses Buches ausmacht. Abschließend wendet sie sich noch dem "umfangreichen", wenn auch schwierigen Nachwort von Eike Geisel zu, das sich u. a. mit der touristischen Wiederbelebung des Scheunenviertels beschäftigt und seine "Wut" über städtebaulichen Entscheidungen in dem Bezirk nicht verhehlen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.01.2001

Carsten Hueck ist äußerst angetan von diesem Roman, der im Berliner Scheunenviertel spielt und das Leben der dort lebenden Ostjuden porträtiert. Ein Grund dafür, dass es dem 1949 im amerikanischen Exil gestorbenen Autor nicht gelang, das Buch zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen, sieht der Rezensent in der Vermeidung jeglicher Idealisierung vom "frommen Ostjuden" und seiner zumeist sehr ärmlichen Lebensweise, die in der Zeit der Romanentstehung in den 20er Jahren so "en vogue" war. Statt dessen sei der Roman eine "Mischung von Armut und Religiosität, Jiddischkeit, Witz und Kriminalität". Der Rezensent schätzt das Buch vor allem als "zeitgeschichtliches Dokument", das zudem in unterhaltsamer Weise und mit viel "Sympathie" eine Lebenswelt beschreibt, die kurz davor ist, "endgültig" zu verschwinden. Auch der Essay und der Nachruf des Soziologen Eike Geisels zu dieser Neuauflage bekommt viel Lob; er trenne "lustvoll polemisch die Geschichte des Scheunenviertels von seinem Mythos", so der begeisterte Rezensent, und mache zudem "hervorragend" auf das spezifische Problem der Rezeption dieses Romans aufmerksam.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.01.2001

Benedikt Erenz legt diesen Roman des 1949 im amerikanischen Exil verstorbenen Autors den Lesern wärmstens ans Herz und bedauert sehr, dass frühere Veröffentlichungen des Romans nur auf geringe Resonanz gestoßen sind. Für Erenz handelt es sich bei Beradt um einen der ganz "großen des 20. Jahrhunderts", der hier einen ganz "unromanhaften Roman" mit Montagetechniken, die an Döblin oder einige russische Autoren erinnern, verfasst hat. Schauplatz ist das Berliner Scheunenviertel um 1930, das besonders durch das "fromme Proletariat aus den Schtetl Litauens, Polens und der Ukraine" geprägt war. Doch Erenz widerspricht empört dem Etikett `Roman aus dem Berliner Scheunenviertel`, als den der Verlag das Buch anpreist. Vielmehr sei das Buch ein mit großer Zärtlichkeit verfasster Roman "über Heimat und Fremde. Über Glaube, Liebe, Armut". Ihm gefällt die Zeichnung des Milieus, die Schilderung von kleinen Ganoven, Händlern, Bettlern und Gelehrten und ihren Träumen. Kurz: "ein Meisterwerk", so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.12.2000

Roland H. Wiegenstein widmet einen Großteil seiner Kritik der Geschichte dieses Romans, die mindestens so spannend ist wie das Buch selbst. Beradt, 1881 als Sohn jüdischer Eltern in Magdeburg geboren und in Berlin aufgewachsen, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs mit seiner Frau nach Amerika geflohen, hat seinen Roman bereits in den frühen dreißiger Jahren begonnen, ihn jedoch erst in der Emigration beendet. Mehrere Versuche, ihn in Amerika und im Nachkriegsdeutschland zu veröffentlichen, scheiterten, weil den Verlagen die porträtierten Ostjuden aus dem Berliner Scheunenviertel nicht "edel" genug dargestellt waren. Wiegenstein jedoch lobt die "liebevollen und scharfen Porträts" dieser armen Leute, die "Wahrhaftig" oder "Himmelweit" heißen und "so gutartig oder gemein" sind wie Menschen überall. Besonders hebt der Rezensent die moderne Struktur dieses Romans hervor, der keine durchgehende Handlung aufweise, sondern aus einzelnen, "immer tristeren" Geschichten ein Bild des Scheunenviertels und der schrecklichen Zukunft seiner Bewohner zeichne.