Markus Orths

Lehrerzimmer

Roman
Cover: Lehrerzimmer
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt 2003
ISBN 9783895610950
Gebunden, 161 Seiten, 18,50 EUR

Klappentext

Studienassessor Kranich, Englisch, Deutsch, lernt bereits an seinem ersten Schultag im Zimmer des Direktors, auf welche vier Säulen sich das gesamte Schulsystem stützt: Angst, Jammer, Schein und Lüge. "Die Lüge, sagte er gleich zu Beginn, das solle ich verinnerlichen, sei das Elixier der Schule. Jeder hier an der Schule lüge. Er, der Direktor, zuallererst." Leider wohne Kranich am falschen Ort, das gibt ein dickes Minus in der Leistungsbeurteilung - die wirklich wahren Kompetenzen eines jeden Lehrers, erfährt er, seien die Schlüsselkompetenzen. Für jeden gefundenen, vielmehr erbeuteten, Schlüssel, den er Direktor Höllinger beibringt, kann er sich in der Beurteilung nach oben schieben. Ehe Kranich sich?s versieht, ist er mittendrin zwischen Oberschulamtspolizisten, Geheimen Sicherheitsbeamten und der KG, der Konspirativen Gruppe, "die sich zum Ziel gesetzt hatte, das geltende Schulsystem zu unterminieren. Jedoch nicht wirklich, wie man sogleich einschränkte, da man den eigenen Arbeitsplatz keinesfalls ernsthaft würde aufs Spiel setzen wollen, sondern lediglich, wie man sagte, verbal."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.03.2003

Gustav Seibt ist enttäuscht: dieser Roman, den er eher eine "satirische Novelle" nennen würde und der der erste Schulroman "seit Menschengedenken" ist, spielt sich ausschließlich im Lehrerzimmer ab. Die Schüler, so der Rezensent erstaunt, kommen kaum vor. Die willkürliche Herrschaft des Direktors einer Göppinger Schule, mit der dieser das Lehrerpersonal schikaniert, ist völlig "überzogen" dargestellt, kritisiert Seibt, der dem Buch auch stilistisch nichts abgewinnen kann. Der Autor habe den am "leichtesten nachahmbaren Stil" von Thomas Bernhard gewählt, um das "totalitäre System" einer baden-württembergischen Schule zu schildern, so der Rezensent, der sich fragt, wen außer Göppinger Lehrer dies interessieren könnte. Immerhin gesteht er dem Roman zu, handwerklich "solide" geschrieben worden zu sein. Dieses Buch hätte, meint Seibt bedauernd, ein "wichtiges" vielleicht sogar ein "hilfreiches" Buch werden können, wenn der Autor auch die Seite der Schüler in Betracht gezogen hätte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2003

Martin Halter hat mit Markus Orths satirischem Roman die Furcht vor der Schule neu gelernt. Und das, obwohl im "Moloch Gymnasium", dem Schauplatz der Handlung, gar keine Schüler auftreten, sondern nur Lehrkräfte, oder genauer: Herrscher und Beherrschte. Denn Orths' "absurde Groteske" sei eine Darstellung des Lehrerapparats als "System von Überwachung und Terror, fürsorglicher Lenkung und Neusprech-Euphemismen, das einzig der Selbsterhaltung dient" - das Direktorium ist die Stasi, der Junglehrer Kranich, der Versager-Held der Geschichte, soll für sie spitzeln, und die "verbeamteten Bürgerrechtler", mit denen er einen Hauch von Widerstand anzettelt, sind feige und verklemmt. Halter bescheinigt dem Autor, der selber Lehrer ist, hohe literarische Ambitionen: Er stelle sich "durch den exzessiven Gebrauch von indirekter Rede, redundanten Schmähungen und fachspezifischen Wortungetümen in die Nachfolge Thomas Bernhards" und habe wohl auch Kafkas "Schloss" im Kopf gehabt, als er sein undurchdringliches Gymnasium entwarf. Es sei ihm auch durchaus gelungen, die Miseren des Schulsystems treffend zu charakterisieren. Allein die literarische Qualität des Werkes, tadelt der Rezensent, lasse doch deutlich zu wünschen übrig.
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