Marie Darrieussecq

Unser Leben in den Wäldern

Roman
Cover: Unser Leben in den Wäldern
Secession Verlag, Zürich 2019
ISBN 9783906910598
Gebunden, 110 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Frank Heibert. Unser Leben in den Wäldern führt uns in eine gar nicht so ferne Zukunft, wo wir es vermutlich ganz normal finden werden, dank implantierter Technik ständig "online" zu sein, smart vernetzt mit Wohnung, Verkehrsmitteln, Arbeit und den staatlichen Autoritäten. Was aber geschieht mit uns, wenn wir in einer Gesell- schaft leben, in welcher der technische Fortschritt und Turbo-Kapitalismus auf die Spitze getrieben sind? In der Klone uns als lebende Ersatzteillager für Organe dienen? In der Roboter den Großteil der Arbeit übernehmen? In der die Unter- scheidungslinie zwischen KI-Affen und Menschen zu verschwinden droht?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.07.2019

Rezensentin Johanna Charlotte Horst schaudert es während der Lektüre dieses Romans von Marie Darrieussecq, der laut Kritikerin nun mit "bibliophiler Präzision" und in gelungener Übersetzung von Frank Heibert auf Deutsch herausgebracht wurde. Wenn ihr die französische Autorin aus der Perspektive einer in einem Waldloch Überlebenden von einer nahen Zukunft erzählt, in der Klone als Organdepots dienen und als Menschen getarnte Roboter sämtliche Daten ihrer Mitmenschen sammeln und somit zunehmend emotionsfähiger werden, erkennt Horst: Darrieussecqs Szenario ist kaum noch Dystopie. Und wenn die Autorin schildert, wie die Menschen zunehmend an einer schweren Krankheit leiden, während die im Sinne Giorgio Agambens auf reine biologische Existenz reduzierten Klone überleben, sieht die Kritikerin hier auch ethische Grundsatzfragen zur "brutalen Sozialisierung der Biologie" gestellt. Ein "atemberaubend kluger" Roman, schließt sie.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2019

Rezensent Niklas Bender denkt zunächst an Texte wie "Schöne Neue Welt" und "Fahrenheit 451" bei Marie Darrieussecqs neuem Roman. Ihre Dystopie, in der eine Traumatherapeutin die Welt aus Klonen, Organdiebstahl und Überwachung, in der sie lebt, Stück für Stück erkennt und schließlich aussteigt, um unter Waldmenschen zu leben, fügt dem aber durchaus etwas hinzu, stellt der Rezensent fest. Indem die Autorin die Enthüllung der finsteren Lebensumstände detailliert schildert und psychoanalytische Motive einbaut, schafft sie laut Bender etwas eigenes. Und Humor hat der Text auch, versichert Bender.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.02.2019

Alles nicht ganz neu, erklärt Rezensent Cornelius Wüllenkemper: Ein paar Rebellen fliehen aus der Zivilisation, verstecken sich im Wald vor den künstlich intelligenten Schergen des Überwachungsstaates, befreien sich von den Zwängen der digitalisierten Welt und entdecken ihre "autonome Menschlichkeit" neu. Zentrales Thema ist dabei das Verhältnis der wohlhabenden Minderheit zur armen Mehrheit, sowie zwischen der rebellischen offline-Minderheit zur hörigen online-Mehrheit der Gesellschaft. Auch die Figuren in Darrieussecqs dystopischem Roman findet der Rezensent nicht sehr originell und keinesfalls frei von Klischees. Das Besondere an diesem Buch ist eher die Atmosphäre, meint er - ein bedrohliches "Grundrauschen", das vor allem durch den schnellen, fast atemlosen Rhythmus erzeugt werde, in dem die Erzählerin ihren Bericht erstatte. Assoziativ springt sie von Gedanke zu Gedanke, immer in Eile, lässt dabei vieles aus und viele Fragen unbeantwortet, lesen wir. Der so entstehende träumerisch wirre Gedankenstrom lässt den Rezensenten etwas spüren: die "Seele der Gegenwart".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 29.01.2019

Hans von Trotha kann den Roman nicht erkennen in den Assoziationsreihen von Marie Darrieussecqs dystopischem Text. Dass die Autorin über eine in die Wälder geflüchtete Erzählerfigur einfach Ängste und Themen von heute (Migration, Überwachung, Organhandel, Klonen) in die Zukunft projiziert und unter allerhand erzählerischen Aus- und Unterlassungen ein Szenario der Bedrohung entwirft, scheint Trotha nicht zu befriedigen. Als literarische Fingerübung erscheint ihm der Text, nicht ohne Reiz, Atmosphäre und Sogkraft, aber ohne den entscheidenden Zusammenhalt.