Bestsellerautor Manfred Lütz führt uns in die außergewöhnliche Welt der rührenden Demenzkranken, hochsensiblen Schizophrenen, erschütternd Depressiven, mitreißend Manischen und dünnhäutigen Süchtigen. Er holt die psychisch Kranken gleichsam aus dem professionellen Ghetto. Seine These: "Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.02.2010
Werner Bartens macht mit Manfred Lütz' Buch kurzen Prozess und verreißt es als staubtrockenes, wissenschaftlich ungenaues und zudem mit enervierenden Scherzen und unfreiwilliger Komik angereichertes Buch. Lütz' Einführung in die Geschichte der Psychiatrie findet der Rezensent wenig erkenntnisfördernd und eher langweilig. Das im Titel angekündigte Thema wird bestenfalls am Anfang angerissen und was der Autor darüber zu sagen hat, erschöpft sich in Binsenweisheiten, wettert Bartens weiter. Was ihn dabei besonders erbost, ist, dass sich so etwas auch noch "wie blöde verkauft". Am Ende holt der Rezensent zum letzten Schlag aus, wenn er befindet, dass sich selbst Michel Foucaults Werke vergnüglicher läsen.
"Es lebe die Abweichung!" macht Ursula März in diesem Bestseller als Botschaft aus, um sich sogleich zu fragen, wieso dann eigentlich Machart "von Buch und Botschaft" so ausdrücklich auf dem Prinzip der Anpassung beruhen. Denn Manfred Lütz stochere so ungenau in den Gefilden des Normalen, konstruiere so unscharf seinen Begriff der Abweichung dagegen, dass der Kritikerin diese pauschale Aufforderung zur Abweichung doch höchst verdächtig erscheint. Denn Lütz schaue weder genau hin noch wolle er irgendetwas genau wissen. Er bewege sich mit seinen Ausführungen dort, wo jeder mitreden und -denken könne, im Bereich des Laienhaften nämlich, in dessen Jargon das Buch folgerichtig, wie März schreibt, auch verfasst worden ist.
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