Der Journalismus ist einer der letzten Berufsstände in Deutschland, der sich einer systematischen Reflexion seiner Rolle im NS-Staat und in den Anfangsjahren der Bundesrepublik erfolgreich verweigern konnte. Bis heute herrschen über Funktion und Selbstverständnis des Journalismus vor und nach 1945 weiterhin Mythen, Legenden und Amnesien vor. Dieser Band befasst sich erstmals mit der Nachkriegswirklichkeit von "Zeit" und "Spiegel", "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung", "Stern" und "Frankfurter Rundschau" - jener Blätter also, die heute auf die Meinungsbildung der bundesrepublikanischen Gesellschaft insgesamt einen besonders großen Einfluß haben. In vorangestellten Essays werden diese Portraits in den allgemeinen Kontext der zeithistorischen, medienpolitischen und biografischen Entwicklung nach 1945 eingebunden.
Einen wichtigen Beitrag zu einem lange tabuisierten Thema haben die Herausgeber und Autoren des vorliegenden "lehrreichen" Bandes nach Ansicht von Astrid von Pufendorf geleistet. Nachhaltig gelinge diesem Kompendium, was Herausgeber Lutz Hachmeister einleitend ankündige: mit dem berufsständischen Mythos aufzuräumen, die meinungsführenden Blätter der Nachkriegszeit hätten hierzulande entscheidend zur Demokratisierung beigetragen. Dabei rechnet die Rezensentin den "jungen Autoren" dieses Bandes hoch an, dass sie nicht den Stab über das Verhalten der "damals Handelnden" brechen, sondern vielmehr deren "moralische Indifferenz und geistige Konjunkturabhängigkeit" darstellen und kritisieren. Pufendorf zufolge zeichnet der Band nach, wie Zeitungen (u.a. FAZ, ZEIT, Stern) samt deren Gründer aus NS-Organen beziehungsweise -Zeitungen hervorgegangen waren. Wie beispielsweise die "ZEIT" an das "Renommierblatt des NS-Staates, 'Das Reich'" anknüpfte und auch der publizistische Mythos von dem aus der "Stunde Null" hervorgegangenen "Stern" nicht stimme, da diese Zeitschrift bereits Ende der dreißiger Jahre ein in Deutschland bekannter Markenartikel mit rund einer Million Leser gewesen sei. Am deutlichsten lasse sich anhand der von Hachmeister skizzierten Geschichte des jungen "Spiegel" ein "kompliziertes Geflecht aus NS-Kumpanei, der Sicherung von Insiderinformationen und dem auflagesteigernden Thema Nationalsozialismus" ablesen.
Haug von Kuenheim ist alles in allem sehr angetan von diesem Überblick über die tonangebenden Journalisten Deutschlands nach 1945. Dass es im Journalismus nach 1945 keine Stunde null gegeben habe, sei, wie manches andere in dem Buch zwar nicht neu, gibt der Rezensent zu. Doch trotzdem lobt er einzelne Beiträge explizit für ihren Erkenntnisgewinn, wie zum Beispiel den Beitrag über Henri Nannen, den er als sehr "gelungen" preist oder die Ausführungen über die Anfänge der FAZ, in dem der Rezensent einiges an "bislang unbekanntem Material" zusammengetragen sieht. Über die Einführung des Herausgebers Hachmeister allerdings hat er sich ziemlich geärgert. Das Vorwort sei derart der "Wissenschaftssprache" des Kommunikationswissenschaftlers verpflichtet, dass man es "dreimal lesen" müsse, um es zu verstehen, so der Rezensent.
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