Luc Boltanski

Soziologie der Abtreibung

Zur Lage des fötalen Lebens
Cover: Soziologie der Abtreibung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518584750
Gebunden, 541 Seiten, 29,80 EUR

Klappentext

Die Abtreibung gehört auch heute noch zu den umstrittensten Fragen unserer Gesellschaft. Weder findet sie eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, noch wird offen über sie gesprochen. Abtreibung ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Eine merkwürdige Grauzone umgibt sie. Das mag durchaus überraschen, da die Abtreibung in den westlichen Ländern unter bestimmten Voraussetzungen legal ist. Das Recht auf Abtreibung gehört zudem zu den Errungenschaften der Frauenbewegung und des Kampfes um die Selbstbestimmung der Frau. Der französische Soziologe Luc Boltanski versucht, diese paradoxe Situation zu erklären. Dabei greift er zum einen auf ausführliche Interviews mit einhundert Frauen zurück, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Abtreibung berichten, und rekonstruiert zum anderen eine umfassende Geschichte der gesellschaftlichen Abtreibungspraxis von der Antike bis zur Gegenwart. Die Entscheidung für oder gegen Abtreibung, so skizziert Boltanski seine Hauptthese, erweist sich dabei als unauflösbarer Widerspruch, der der gesellschaftlichen Ordnung insgesamt innewohnt: Einerseits ist jedes einzelne menschliche Wesen einzigartig und unersetzbar, andererseits ist seine Austauschbarkeit Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Gesellschaft fortwährend demographisch erneuert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.09.2007

Interessiert hat Hans-Martin Schönherr-Mann diese soziologische Studie über Abtreibung von Luc Boltanski gelesen. Er attestiert dem Autor, seinen Gegenstand ethisch neutral und objektiv zu analysieren, eine Anstrengung, die er angesichts der hochemotionalen Problemlage nur begrüßen kann. Nach einer anthropologischen Betrachtung der Abtreibung und einem Blick auf ihre Geschichte geht der Autor auf die gegenwärtige Entwicklung ein. Dabei konstatiere er bei der Abtreibungsfrage einen Rückzug des Staats und damit auch einen Wandel vom sittlichen Verbot zu einer individuellen moralischen Angelegenheit. Schönherr-Mann hebt insbesondere Boltanskis Analyse hervor, wonach Abtreibung den Frauen die Option eröffne, Sexualität und Zeugung zu trennen. Deutlich werde, dass Zeugung zur Menschwerdung allein nicht ausreiche. Zustimmend äußert sich Schönherr-Mann auch über die Ausführungen des Autors, Kinder in die Welt zu setzen avanciere unter gegenwärtigen Bedingungen zu einem gewagten "elterlichen Projekt".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.07.2007

Als ein "kühnes" Werk bezeichnet Rezensent Carlo Caduff diese Studie zur Abtreibung, mit der der Bourdieu-Schüler Luc Boltanski keine bioethischen Ratschläge verbindet, sondern eine Soziologie der Moral begründe, wie der Rezensent klarstellt. Im Mittelpunkt der Studie - oder des Rezensenteninteresses - steht dabei die von Boltanski in den Blick genommene zweifache Geburt des Menschen: die biologische Geburt und die der Anerkennung als menschliches Wesen. In diesem "anthropologischen Widerspruch" sieht Boltanski nach Caduffs Darstellung den Grund für eine unauflösliche Spannung - und die Verschämtheit, mit der Abtreibungen noch immer einhergehen. Als ein Beispiel verweist Caduff auf Sklaven, denen nur die biologische Geburt, aber nicht die menschliche zuerkannt wurde. Um den generellen Widerspruch aufzuheben, habe die christliche Kirche die "Empfängnis" spiritualisiert, indem sie ein schöpferisches Wirken in die zufällige Befruchtung einer Eizelle hineinlegte. Caduff lässt durchblicken, dass er nicht mit allen Argumenten Boltanskis einverstanden ist, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass die Arbeit viel Stoff zum Nachdenken bereitet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2007

Den deutschen Titel des Buches findet Michael Pawlik "ziemlich platt". Seiner Ansicht nach wird er der Eindringlichkeit von Luc Boltanskis Beschäftigung mit der "ambivalenten Rolle der Sexualität" und dem Status fötalen Lebens nicht gerecht. Pawliks Gewichtung einer bestätigenden Eingliederung des Neugeborenen in die Gesellschaft kann der Rezensent gut nachvollziehen. Ebenso leuchten ihm aber Boltanskis Befunde ein, die aufgrund von Betroffenen-Befragungen den Schluss ziehen, dass Abtreibung und "Autonomierhetorik" eher selten zusammengehen und Moral sich nicht philosophisch verordnen lässt. Das Thema Abtreibung erscheint Pawlik in diesem Band jedenfalls erschöpfend behandelt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.07.2007

Höchste Anerkennung spendet Katharina Rutschky der "Soziologie der Abtreibung" von Luc Boltanski, die sie höchstens im Titel etwas zu eng gefasst sieht. Wer meint, das Thema "Abtreibung" habe sich mittlerweile beruhigt, wird mit Boltanskis Buch eines Besseren belehrt, stellt die Rezensentin klar, die sich nach der Lektüre nur wundern kann, dass es nicht schon früher systematisch sozialwissenschaftlich untersucht worden ist. Denn der französische Autor zeige auf, dass mit den Debatten um die Abtreibung ins "Herz der Gesellschaft" gezielt wird, daran Fragen des Geschlechterverhältnisses, der Erziehung oder der Familie zu betrachten sind. Nicht nur Feministinnen können bei Boltanski etwas lernen, sondern auch Moralisten und nicht zuletzt die Familien- und Sozialpolitiker, versichert Rutschky, die diese Studie als meisterhafte Arbeit in den höchsten Tönen lobt.
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