Leo Perutz

Der Marques de Bolibar

Roman
Cover: Der Marques de Bolibar
Zsolnay Verlag, Wien 2004
ISBN 9783552053052
Gebunden, 270 Seiten, 21,50 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Hans-Harald Müller. Spanienfeldzug, Winter 1812: In der andalusischen Bergstadt La Bisbal werden die Napoleon unterstützenden Regimenter "Nassau" und "Erbprinz von Hessen" durch spanische Guerillas vernichtet. Einzig der Leutnant von Jochberg überlebt das Massaker, seine Memoiren halten die geheimnisvollen Umstände bis zu ihrem tödlichen Ausgang fest. Leo Perutz erzählt in diesem Roman, wie die deutschen Offiziere sehenden Auges und kraft der Phantasie des wandlungsfähigen Marques de Bolibar, Kopf des spanischen Widerstands, ihren eigenen Untergang herbeiführen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2005

Ziemlich spannend findet Bernhard Fetz diesen historischen Roman von Leo Perutz, den er als "Meister des Unterhaltungsromans auf hohem literarischem Niveau" würdigt. Perutz nimmt den Untergang zweier deutscher Regimenter während des Napoleon-Feldzuges in Spanien im Jahre 1812 als historische Folie für eine Geschichte, in der Verblendung, Liebestollheit und Selbstgefälligkeit von vier deutschen Offizieren eine wesentliche Rolle spielen. "Verblüffend" nennt Fetz den Umstand, dass, "je abwegiger die Romankonstruktion erscheint, die Spannungseffekte nur noch zunehmen". Er entdeckt Elemente der romantischen Literatur, eingefügt in die Struktur des Kriminalromans. Zudem bemerkt Fetz, dass es Perutz um Fragen der Identität innerhalb einer brüchigen, vom Krieg gezeichneten Weltordnung geht. Keineswegs gehe es ihm um eine "Idealisierung des Landsknechttums", betont der Rezensent, und nimmt den Autor damit gegen entsprechende Vorwürfe in Schutz. Der Schwerpunkt liege bei Perutz trotz der liebevollen Ausgestaltung der historischen Details immer noch auf der katastrophalen "Logik der Vernichtung".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2005

Leo Perutz gehört nach wie vor nicht in den literarischen Kanon, staunt Wolfgang Neuber, obwohl dieser von Kracauer bis Borges, von Broch bis Tucholsky viele Bewunderer gezählt hätte. Von Zeit zu Zeit bemüht sich ein deutschsprachiger Verlag, Perutz die immer noch fehlende Anerkennung zukommen zu lassen; der Roman "Der Marques de Bolibar" erschien bereits im Rahmen einer Werkausgabe vor fünfzehn Jahren, informiert Neuber, und sei insofern eine Wiederveröffentlichung, allerdings in einer "sorglosen" Textfassung, wie der Rezensent rüffelt. Auf den ersten Blick würde man den Roman, der zur Zeit der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts spielt, für einen Antikriegsroman halten, meint Neuber, was ja auch das Ersterscheinungsdatum von 1920 nahelege. Bei genauer Betrachtung gehe es aber um die Problematik von Erkennen und Verkennen, Identität und Fälschung und darin sei die eigentliche Modernität Perutz' zu sehen, behauptet der Rezensent begeistert. Dessen Erzählkunst sei deutlich an der Romantik geschult, von der er sich das Doppelgängermotiv geborgt habe, zugleich werde die Frage von Identität und Authentizität ironisch auf die Spitze getrieben, also höchstmodern und doch in einer geschlossenen literarischen Form.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.09.2004

Mit derartigen "Landsknecht-Rodomontaden", wie sie der vorliegende Roman über eine Episode des napoleonischen Spanienfeldzugs entfaltet, kann Andreas Dorschel rein gar nichts anfangen. Ihn erfüllt es mit Unverständnis, wie der Autor Leo Perutz zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, der mit jeglicher Kriegsromantik aufgeräumt haben dürfte, derart "derb-jovial" aus dem "Nähkästchen plaudern" kann, und die einerseits psychologisierenden andererseits ins "Allgemein-Menschliche" gehobenen Betrachtungen rufen seinen Widerspruch heraus. Auch der Versuch des Herausgebers Hans-Harald Müller, Perutz' Roman als Kriegskritik zu lesen, überzeugt den Rezensenten keineswegs und wird von ihm als Versuch, sich vor dem Vorwurf, "politisch Inkorrektes ediert zu haben", gegeißelt.
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