Ein Sinn, der verborgen oder enthüllt werden kann, ist eine der zentralen Denkfiguren der Neuzeit. Das betrifft auch die Frage, was Musik eigentlich sei. Je stärker man darüber nachgedacht hat, desto brüchiger, changierender ist die Annahme von einem substantiellen Wesenskern der Musik geworden. In diesem Buch geht es nicht um ästhetische oder theoretische Überlegungen dazu, sondern um die Frage, ob und auf welche Weise komponierte Musik sich selbst zum Gegenstand macht und so möglicherweise etwas von ihrem Kern preisgibt. Die optischen Metaphern von Verhüllung und Enthüllung erweisen sich dabei als ebenso hilfreich wie anschaulich. In einer Reihe von Beispielen, die vom 17. bis in die Gegenwart reichen, wird das Phänomen in seiner ganzen Vielfalt beschrieben. Dabei geht es nicht nur um Opern von Mozart bis Strauss, sondern auch um Monteverdis Vokalmusik, Haydns "Schöpfung", die Sinfonien Bruckners oder Ligetis Etüden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2021
Rezensent Helmut Mauro lässt sich vom Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken die Bedeutungsebenen und das Verhältnis zwischen Illusion und Repräsentation in der Musik vor und nach Monteverdi erschließen. Wie Monteverdi Anfang des 16. Jahrhunderts das subjektiv Menschliche ins Spiel brachte, den polyphonen Gesang durch den individuellen ersetzte, und das in Anweisungen zur Inszenierung auch selbst reflektierte, vermittelt der Autor laut Mauro kenntnisreich, "sprachsensibel" und mit scharfem Blick für die damit einhergehenden Veränderungen und den weiteren Einfluss auf Mozart, Wagner und Richard Strauss. Nach der Lektüre entdeckt der Rezensent das beschriebene Phänomen musikalischen Erzählens überall.
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