Lars Gustafsson

Die Sonntage des amerikanischen Mädchens

Eine Verserzählung
Cover: Die Sonntage des amerikanischen Mädchens
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446209275
Gebunden, 94 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Als Lars Gustafsson noch in Texas lebte, las er in der Zeitung von einer Bibliotheksangestellten, die eines Sonntags beim Autowaschen entführt, vergewaltigt und getötet worden war. Es drängte ihn, dieser Frau eine Stimme zu geben, nicht in einem Kriminalroman, sondern in einer Folge von Gedichten. Entstanden ist daraus eine lange Verserzählung, in der das amerikanische Mädchen Sonntag für Sonntag aus ihrem Leben erzählt und Gustafsson ihr seine Gedanken leiht, alltägliche und philosophische, poetische und kritische.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.06.2008

Beeindruckt präsentiert Rezensent Andreas Breitenstein diese "elegische" Verserzählung, in der er Grundlegendes eisig klar beantwortet findet. Zum Beispiel die Frage, wie es sein werde, wenn es vorbei ist und woran wir uns dann noch erinnern könnten. Bei der Geschichte sei es Gustafsson weder um Drama noch um Gemütserforschung oder Extremfall-Psychoanalyse gegangen. Breitenstein wohnt hier eher einem "intimen Zwiegespräch über die Grenzen des Todes" bei. Die Tatsache, dass Gustafsson der Toten seine eigene Reflexionen und Phantasien, Erleuchtungen und Verdunkelungen anträgt, hat offenbar auch einige Kritik provoziert, die der Rezensent jedoch nicht teilt. Denn die Art, wie dieser Autor hier die Stimme seiner Protagonistin sich an drei Sonntagen aus dem Off erheben lasse und die poetisch verschlungene Dichte, mit der hier ein Leben gleichzeitig rekonstruiert und ausgelöscht werde, sind für Breitenstein von derart großartiger Unheimlichkeit, dass er sie dem Gegenstand für völlig angemessen hält. Auch Verena Reichels Übersetzung bekommt Bestnoten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2008

Heinrich Detering weiß zwar um die "moralischen Bedenken", die man dieser Verserzählung des schwedischen Autors Lars Gustafsson seit ihrem Erscheinen im schwedischen Original 2006 entgegengebracht hat. Denn die namenlose Ich-Erzählerin seines Buches, eine junge Amerikanerin, die eines Sonntags beim Autowaschen vergewaltigt und ermordet wird, ist eine authentische Person, von der der Autor aus einer Zeitungsnotiz erfahren hat, wie der Rezensent erklärt. In zunächst chronologischen Berichten der jungen Frau, in die zunehmend Rückblenden, Fantasien und Träume eindringen, lässt der Autor immer wieder Alltagserfahrung in eine seltsam hellsichtige "Mystik" umklappen, so der Rezensent beeindruckt. Für Detering bricht Gustafsson mit seiner Erzählung aus der Perspektive einer Ermordeten deshalb kein "Tabu", weil er die Schwierigkeiten der Darstellung reflektiere. Dabei sei der Text gleichermaßen "Totenklage" wie "Liebesdienst im Konjunktiv", ohne sich anzumaßen, damit die Wirklichkeit zu treffen, so Detering, den das Buch gerade in dieser "nüchternen Brechung" zutiefst berührt hat.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2008

Verhalten äußert sich Andreas Dorschel über Lars Gustafssons Verserzählung "Die Sonntage des amerikanischen Mädchens". Er berichtet, dass das Buch einen realen Hintergrund hat, die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Amerikanerin. Die Absicht des Autors, dieser toten Frau eine Stimme zu geben, scheint ihm heikel, weil die gegebene Stimme nie die ihre sein könne und weil eigentlich der Schriftsteller sich etwas von ihr nehme: einen literarischen Stoff. Dabei bescheinigt er dem Autor nicht nur sprachliche Sensibilität, sondern auch Abstand zu allen Elementen einer Kolportage. Gustafssons Skepsis, das Individuelle dieses Falls angemessen darstellen zu können, ist für ihn durchaus nachvollziehbar. Nicht befriedigend findet er allerdings die vom Autor gewählte Lösung, dieses Problem zu umgehen: die allgemeine Typisierung des Opfers. "Die Allgemeinheiten werden ein Stück weit Gemeinheiten des Schriftstellers gegenüber dem Opfer", so Dorschel, "weil er das Nichtindividuelle gleichwohl in der Ich-Form erzählen lässt." Wirklich nicht glücklich ist er dann über die Entscheidung des Autors, den Leser über die Identität dieser Stimme letztlich doch wieder im Unklaren zu lassen.
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