Mit ca. 40 Farb- und 40 Schwarzweiß-Abbildungen. Gretchenfrage: Was ist Kitsch? Die innen beleuchtete, gülden bemalte venezianische Gondel? Der röhrende Hirsch mit dem brennenden Herzen im Geweih überm Eichenbett? Aber Kitsch kann auch ganz anders: Die amerikanische Pop Art beispielsweise bedient sich des sakrosankten Kitsches gnadenlos. Und dann gibt es den Kitsch, der längst zum Kult wurde: Nierentisch und Nippes, Zigarettenigel in Sputnik Form und Schlager von Peter Kraus aus den fünfziger Jahren. Konrad Paul Liessmann befasst sich in seinem Essay mit Trivialkultur im allgemeinen und mit den Ursachen der "hohen Schule des schlechten Geschmacks" im speziellen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2002
Kunstkritiker haben es schwer, stellt Rezensent Andreas Breitenstein fest, denn im Zuge der allseits blühenden "Trash-Kultur" gerät der "Unterschied zwischen Kunst und Kitsch" immer heikler. Diese "Karriere" des Kitsches, so der Rezensent, zeichnet der Wiener Essayist Konrad Paul Liessmann "mit leichter Hand" in dem vorliegenden Band nach und illustriert sie "reichhaltig und witzig", nicht zuletzt durch den "poppig" pinken Plüscheinband. Für Liessmann sei Kitsch ein "Sonderfall des Trivialen", erklärt Breitenstein, keine "ästhetische", sondern eine "topographische, soziale und ökonomische Kategorie". Liessmann zeige, dass die Kritik am Kitsch immer einen moralischen Anstrich besitze, indem sie ihm vorwerfe, Verrat an der aufklärerischen Aufgabe der Kunst zu begehen - wovon nur der sich als ironische Pose begreifende Kitsch ausgenommen bleibe. Doch in der pluralistisch-relativierenden Postmoderne, so der Rezensent, gerät der Wahrheitsanspruch der Kunst ins Wanken und schafft, gerade durch das "Zelebrieren des Schwierigen", Raum für den provozierend simplen Kitsch. Und auch die Kunstkritik sei von dieser Relativierungswut eingeholt worden. Die Kritik am Kitsch sei zum bildungsbürgerlichen Schuh geworden, den nicht viele Kritiker sich mehr anziehen wollten. Liessmans Fazit sei auch ein Appell, so Breitenstein: Die Ästhetik ist nicht tot und es bleibt die Aufgabe der Kritik, "unbeirrt vom Zeitgeist" Kunstwert solcher Werke zu bestimmen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.06.2002
Der mit "anme" zeichnende Rezensent ahnt zwar, dass "der schlechte Geschmack der eigentlich gute ist", wie vom Autor Konrad Paul Liessmann im Buchtitel behauptet, doch diese Erkenntnis bleibt für ihn spürbar schmerzhaft. Neben den "gesellschaftlich und kunsthistorisch fundierten Kunsttheorien" über Kitsch, die es dem Rezensenten sogar plausibel erscheinen lassen, dass in Strafrechtsklausuren grundsätzlich ein Gemälde Marke "Röhrender Hirsch" geklaut wird. Offenbar gibt es in dem Buch auch eine Menge berühmter Kitsch-Kunstwerke zu bewundern: der Rezensent erwähnt einen halbvergoldeten Jeff Koons-Porzellan-Jacko aus dem Museum of Modern Art (San Francisco) oder auch einen "Ganymed" von Pierre und Gilles.
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