Die päpstliche Kapelle erlebte im Pontifikat Pauls III. (1534-1549) ihre letzte große Blüte und zählte Persönlichkeiten wie Costanzo Festa, Cristobal de Morales und Jacques Arcadelt zu ihren Mitgliedern. Rom war zu dieser Zeit von den geistig-kulturellen Ausläufern der Hochrenaissance ebenso geprägt wie von der umfassenden Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Die Reorganisation des kurialen Apparats und die Förderung reformerischer Kräfte mündeten schließlich in die Eröffnung des Trienter Konzils. Die Sänger waren von dem Reformprozess sowohl als Institution wie auch als Musiker unmittelbar betroffen, da langfristig kumulierte Privilegien in Frage gestellt wurden und die Rolle polyphoner Musik im Gottesdienst in die Diskussion geriet. Die von Paul III. betriebene Italianisierung des Ensembles brachte zudem einen raschen künstlerischen Niedergang mit sich. Die Arbeit widmet sich den Voraussetzungen und Ausprägungen dieser institutionellen wie künstlerischen Umbruchphase. Vor dem Hintergrund der wachsenden Kritik an der kirchenmusikalischen Praxis seit dem Konziliarismus einerseits und den spezifischen Funktionen der Vokalpolyphonie im Rahmen der maiestas papalis andererseits wird das Spannungsfeld umrissen, in dem sich die musikalische Praxis der päpstlichen Sänger bewegte. Als Hauptzeugnis dienen dabei die sechs Chorbücher, die im Pontifikat Pauls III. entstanden sind (CS 13, 17, 18, 19, 20 und 24), deren Repertoire in Funktion und musikalischer Charakteristik untersucht wird. Zugleich werden die institutionellen Reformen der Kapelle sowie die entsprechenden Reaktionen der Sänger (Engagement in Bruderschaften, Nähe zu einflussreichen Kardinälen) skizziert. Es zeigt sich, daß die Komponisten der Kapelle auf die künstlerischen Reformforderungen zunächst mit einer vorsichtigen Anpassung ihres Stils reagierten, zugleich jedoch um die Aufrechterhaltung von musikalisch-kompositorischen Traditionen innerhalb des Repertoires (zurückreichend bis zu Dufay) bemüht waren. Der rasche künstlerische Niveauverlust jedoch mündete in einen Repertoiretraditionalismus, der ein wesentliches Merkmal der musikalischen Praxis der Kapelle werden sollte. Anhand dieses Fallbeispiels der päpstlichen Kapelle strebt die Studie eine Neubewertung des katholischen Reformprozesses als Paradigma der Musikgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts an.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2007
Andres Briner ist begeistert. Klaus Pietschmanns Studie zur Entwicklung der Kirchenmusik zur Zeit Papst Pauls III. hält er für eine kugelrunde Sache. Gespannt liest er Pietschmanns "Neubewertung des Farnese-Papstes" im Hinblick auf die Konflikte der katholischen Kirche zwischen Tradition und Reform, zwischen Antike, Scholastik und Renaissance. "Quellenkundlich" überzeugend und fachlich versiert findet er Pietschmanns Ausführungen zur Zusammensetzung und zum Repertoire der vatikanischen Sängerkapelle. Unterstützt durch einen Anhang mit Bibliografie, Register, Illustrationen und Musikbeispielen ("in moderner Notation") hört Briner die Glocken läuten.
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