Klaus-Dieter Eichler (Hg.)

Philosophie der Freundschaft

Reclam Verlag, Leipzig 1999
ISBN 9783379016698
broschiert, 255 Seiten, 12,27 EUR

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.06.2000

In einer Sammelrezension bespricht Elisabeth von Thadden drei Bücher zum Thema Freundschaft. Am Rande erwähnt sie noch Marylin Friedmanns Aufsatz "Freundschaft und moralisches Wachstum (erschienen 1997 in der Deutsche Zeitschrift für Philosophie 45), in dem die Autorin auf die Philosophin Seyla Benhabib hinweist, die Freundschaft in die Nähe der Fürsorge rückt und in ihr "die Zuwendung zu den Bedürfnissen des konkreten Anderen" erkennt. Friedman betone Freundschaft als Beitrag zum "moralischen Wachstum", schreibt von Thadden.
1) Klaus-Dieter Eichler (Hrsg.): "Philosophie der Freundschaft"
Man möchte meinen, dass die Rezensentin die Grundmaterialien für ihre Reflexionen zum Thema Freundschaft hier gefunden hat. Sie zitiert daraus Aristoteles" paradoxen Ruf: "Oh Freunde, es gibt keinen Freund" ebenso wie Montaignes Loblied auf seine Freundschaft mit Étienne de la Boétie, sie liest Kant, Simmel, Luhmann und Giddens, und obwohl sie es nicht ausdrücklich sagt, hofft man, angesichts ihrer Begeisterung über den "schönen Band von Klaus-Dieter Eichler", dass sie diese gewinnbringend gelesenen Texte zum Thema Freundschaft in ihm gefunden hat. Die neuerliche Konjunktur des Themas an sich hat ihrer Meinung nach zu tun mit unserer Zeit und ihrer Verunsicherung für den Einzelnen. Denn weder Ehen noch Arbeitsverträge währen mehr ewig, und der Einzelne sucht daher nach anderen Einzelnen, die ihm Wertschätzung entgegenbringen und doch auch die Freiheit lassen; Vertrautheit ohne Fesselung ist gefragt. Sie merkt bedeutungsvoll an, dass Texte über und von Frauen, also Freundinnen, bei Eichler allerdings fehlen. Ein Problem des Freundschaftsbegriffs selbst? Trotzdem: ein vorzügliches Geschenk "von lesenden Freunden für lesende Freunde".
2) Harald Lemke: "Freundschaft"
Ungehalten reagiert die Rezensentin auf diesen jungen Philosophen, der eine "Ethik des Selbst" mit einer "Theorie der Lust" versöhnt. Das klingt ihr zu sehr nach einer "Freundschaftsphilosophie für städtische Singles". Sie stellt sich das flugs vor wie einen "Kreis befreundeter Doktoranden", wie sie bissig sagt, der sich fern hält von quengeligen Kindern, pflegebedürftigen Alten und überhaupt erfahrungslos ist, was die Schmerzen der Nähe und des Verlustes angeht. "Wechselseitige Selbstbefreiung"? Natürlich, recht hat er, gesteht sie ihm zu, Giddens und Luhmann setzen ja auch autonome Individuen für eine wahrhaft emanzipierte Gesellschaft voraus. Also haben Demokratie und diese Art Freundschaft womöglich miteinander zu tun?
3) Jaques Derrida: "Politik der Freundschaft"
Dies findet die Rezensentin eines der "offensten, gewinnendsten Bücher" des französischen Dekonstruktions-Philosophen. Sie rechnet ihm hoch an, dass er den Finger auf die Wunde legt und den Ausschluss der Frauen aus dem von so genannten männlichen Tugenden konstruierten Freundschaftsbegriff zur Kenntnis nimmt. Er, der doch als "Skeptiker gegenüber der Strenge Kants" gilt, versöhnt hier den Königsberger Philosophen gewissermaßen mit sich selbst und bringt das universale Gesetz mit dem partikularen Privileg der Freundschaft in Einklang. Aber er fragt auch: "Warum hat er die Schwester nicht genannt?" Entscheidend jedoch ist für Derrida, wie auch seine Rezensentin, die Neuübersetzung des aristotelischen Ausrufs: "O Freunde, es gibt keine Freunde". Er heißt bei ihm jetzt: "Es gibt niemals einen einzigen Freund". Mit dieser Differenzierung ermöglicht Derrida die Definition von Freundschaft als einer Beziehung, die sich mit jedem jeweils neu konstituiert, d.h. jede Freundschaft ist eine andere, lässt andere Facetten des Selbst zur Geltung kommen und beinhaltet auch eine je "spezifische Reserve". Derrida ist es in seinem Text um "Gleichheit" als Gegenpart zur "Einzigartigkeit" zu tun, und mit dieser Auffächerung scheint ihm in den Augen der Rezensentin die Formel für die Auflösung eines philosophischen Widerspruchs gelungen.