Ein Leben lang gesucht
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518432990
Gebunden, 390 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Conny Lösch. Rothko Taylor ist wieder angeschwemmt worden, in Edgecliff, der rauen Kleinstadt an der Küste. Vor zwanzig Jahren hatte Rothko sie verlassen. Und auf einmal nähert sich die Vergangenheit in rasender Geschwindigkeit: die Kids auf den Skateboards genau wie früher, die gesplitterten Bänke mit Blick raus aufs Meer, wo Mum mit den Dosen im Klammergriff saß. Der eine nette Ort der Stadt, an dem der Vater nichtsdestotrotz gescheitert ist bei dem Versuch, ein glückliches Zuhause zu errichten. Und dann der Häuserblock von Dionne. Die schöne, außergewöhnliche Dionne, der einzige Mensch, der Rothko jemals wirklich angeschaut und gesehen hat, was da war. Damals war dey überwältigt, von der schieren Angst, sank unter die Oberfläche ins Chaos. Doch dey hat es lebendig wieder rausgeschafft. Und dieses Mal ist Rothko felsenfest entschlossen, dass es anders laufen wird.In Ein Leben lang gesucht erzählt Kae Tempest sprachgewaltig und unnachahmlich von Familie und Vergebung, Erlösung und Sühne, Sehnsucht und Hingabe. Von den Dingen, die wir suchen, wenn wir uns verstecken, und von dem, was uns findet, wenn wir uns sehen lassen.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 07.05.2026
Für Rezensentin Undine Fuchs ist der Rapper, Lyriker, Autor Kae Tempest "eine Naturgewalt": Er hat sich 2025 als trans geoutet und sich zuvor als nicht-binär identifiziert, das spielt auch für seinen Protagonisten Rothko eine wichtige Rolle, der ebenfalls eine Weile braucht, um zu realisieren, dass er ein Mann ist und über weite Strecken des Romans die Neopronomen dey/demm benutzt. Der Roman erzählt, wie Rothko im Laufe einer langen Zeit immer mehr zu sich findet, nach Drogen und Haft, und wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist: Früh ergreift die Scham Besitz von ihm, er wird "rot wie ein Rothko", lesen wir. Die Scham bezieht sich vor allem darauf, als queere Person ständig aus allen Rastern zu fallen und nie in der "Unsichtbarkeit des Normalen" verschwinden zu können, erklärt Fuchs. Sie findet besonders die Szenen körperlicher Intimität zwischen Rothko und Dionne überzeugend, findet aber, dass der Roman insgesamt an der Überbetonung von Gefühlen krankt und deshalb nicht die von Tempest gewohnte Wucht erreichen kann.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 16.04.2026
Mit Kae Tempest taucht Rezensentin Meike Feßmann gerne in die "dunklen Katakomben des Selbstzweifels ab": Held Rothko ist queer, war fünfzehn Jahre im Gefängnis und kommt aus komplizierten Familienverhältnissen, die voller Schmerz, aber auch Rhythmus reflektiert werden, lobt Feßmann. Rothko ist den ganzen Roman über beschäftigt mit der eigenen Geschlechtsidentität, dabei erscheinen die von Tempest genutzten Neopronomen der Kritikerin zwar heraufordernd, aber auch als "performatives Stilmittel". Wenn Rothko sich durch die Liebe zu Dionne schließlich als Mann identifiziert, wird die Kritikerin Zeugin eines transformativen Prozesses, der drastisch und leidvoll, aber mit versöhnlichem Ende geschildert wird. Tempests Wurzeln in der Spoken Word Poetry zeigen sich auch hier im Gespür für Tempo, Bilder und Emotionen, findet die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 11.04.2026
Kae Tempests neuer Roman ist für die Rezensentin Sophia Merwald in gleichem Maße bestärkend wie erschütternd: Es geht um Rothko, eine Trans-Person, die mit dem Pronomen "dey" angesprochen wird. Rothko erzählt die Geschichte einer Transition, eines Versuches, zum eigenen Körper zu finden, selbst wenn dieser von außen ständig in ein bestimmtes Raster gezwungen werden soll, lesen wir. Rothko wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen, "dey" erinnert sich an die Traumata, die im Heimatort passiert sind, an die soziale Enge, die die Familie bestimmt hat, Merwald freut sich über die "lyrisch-kunstvolle" Sprache, die Tempest für diese Geschichte zwischen Härte und Zärtlichkeit findet. Ein Roman, der trotz der omnipräsenten Gewalt Hoffnung für mehr Sanftheit bietet, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.03.2026
Kann ein Roman tröstlich sein, in dem es so viel um den Schmerz geht? Auf jeden Fall, stellt Rezensentin Karin Janker bei der Lektüre von Kae Tempests neuem Buch fest: Im Mittelpunkt steht Rothko, eine nicht-binäre Person, die die Pronomen dey/demm/deren benutzt, was für Janker nur am Anfang eine Umstellung ist. Tempest selbst ist trans, doch der Roman ist nicht einfach aktivistisch, versichert Janker. Ihr gefällt, wie Tempests lebendige, genau hinsehende Sprache Empathie schafft, zum Beispiel für Körper, die "gebaut wie ein gespaltener Blitz" aussehen. Und natürlich sind hier auch wieder jene Sätze Tempests zu lesen, die wie Fausthiebe sitzen, versichert die Rezensentin. Ihr Lob findet auch Tempests sensibler Blick für die Liebe zu Eltern, Fremden, sich selbst, den Partnerinnen und Partnern und auch für unvergleichlich schöne Sexszenen, in denen sich Schmerz in Zuneigung verwandelt. Ein Roman, der für Janker zutiefst menschlich und wohltuend ist.