Julien Green

Julien Green: Tagebücher 1996-1998

Cover: Julien Green: Tagebücher 1996-1998
List Verlag, München 2000
ISBN 9783471794258
Gebunden, 437 Seiten, 50,11 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Mit einem Vorwort von Eric Green. Der letzte Band der Tagebücher. Julien Green starb am 13. August 1998 in seiner Pariser Wohnung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2001

Milo Rau ist erstaunt, dass dieser siebte und damit letzte Tagebuch-Band des - "wie kaum ein anderer nach französischen Begriffen" Klassikers - Julian Green noch vor einer französischen Ausgabe im Deutschen erschienen ist. In der "gekonnten Manier des humanistischen Diaristen", so der Rezensent, hat Green für die Öffentlichkeit ein `journal intime` seiner letzten beiden Lebensjahre geschrieben, das dem Leser "culture générale" bietet. Seine Schriften zeigten einmal mehr die umfassende Bildung des "herzensklugen Flaneurs", der sich weniger auf die Spuren der Eigendynamik von Politik und Wirtschaft begeben habe als vielmehr "wahren unsichtbaren Schriftsinn" vorführe. Greens Tagebücher erzählen aber auch vom eigenen Tod, so Rau. Tag für Tag schreite der körperliche Verfall des fast Hundertjährigen voran. Und doch seien die in diesem Band zusammengetragenen Dokumente alles andere als wehleidig. In der ihm eigenen "undramatischen Diskretion" hat Green ein Werk hinterlassen, in dem Tagesgeschehen, Erinnerungen und transzendentale Reflexionen zusammenfließen, resümiert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2000

Julien Green, der Letzte - damals noch lebende - der "legendären Amerikaner in Paris", war 96 Jahre alt, so Iris Radisch, als er den letzten Band seiner Tagebücher begann. Ein Alter, in dem man sich ständig die Frage nach den letzten Dingen stellt. Und dabei zu seinen Anfängen zurückkehrt, wie Radisch bemerkt. Einfache Kinderfragen seien es, die Green beschäftigt hätten: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Nur das Wesentliche zählte für Green - aber was ist wesentlich? In Greens Gedankenreich haben nach Radisch nur wenige Dinge, Personen, Bücher noch einen Platz gehabt: Novalis und Heine etwa, die selbstverständlich auf Deutsch gelesen und rezitiert wurden. Green sei angewidert gewesen vom Materialismus seiner Zeit, von der alles aufsaugenden und egalisierenden Postmoderne. Ein konservativer Geist, der laut Radisch "hinter roten Tapeten" in die "hoch kulturelle Sicherheitszone" seiner Wohnung emigriert sei, die er bemerkenswert radikal und luzide verteidigt habe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2000

In einer Sammelrezension bespricht Ute Stempel folgende Publikationen des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Julien Green:
1) "Adrienne Mesurat. Roman"
Das "höllische Geisterdunkel", in dem der zeitlebens in Frankreich lebende Amerikaner seine Romane getaucht hat, meint Ute Strempel, prägt auch diesen Roman. So lässt sich die in der Provinz lebenden Adrienne Mesurat einerseits von ihrem Vater tyrannisieren, andererseits von einer "erotischen Obsession", die sie für Liebe hält. Einen Ausweg daraus gibt es nicht, selbst der Mord am Vater ist keine "Erlösung", da sie letztlich in die "geistige Umnachtung" führt. Die "Seelendramen" Julien Greens erinnern die Rezensentin an Dostojewski und Kafka. Auch hier werden die "bedrohlich muffigen Szenerien" bedroht von einer verzehrenden "Glut des Bösen".
2) "Wenn ich du wäre. Roman"
Ein Büroangestellter schlüpft in die Körper anderer, von ihm beneideter Menschen, z.B. seines Chefs oder auch eines Mörders und eines Frauenhelden. Da er dadurch jedoch auch "mit der Seele des anderen gestraft" wird, zeigt sich der Ich-Verlust als zu hoher Preis. Mit einem "platten Schluss", findet Ute Strempel, nimmt Green hier die Unheimlichkeit und Radikalität seines Romans wieder zurück: alles war nur ein Fiebertraum. Interessant findet sie, dass die Psychoanalytikerin Melanie Klein schon 1947 diesen Roman als "Beleg für eine Studie über die Identitätsproblematik" nahm, was dem Autor durchaus nicht recht war.
3) und 4): "Tagebücher 1990 - 1996" und "Tagebücher "1996 - 1998"
Erstaunlich ist der Gegensatz, meint Strempel, den die "human gefilterten" Tagebücher des sehr zurückgezogen lebenden Green bilden zu den finsteren Leidenschaften, die seine Romane beherrschen. Hier gruselt sich Green, bei aller Gottesgewissheit, die ihn als zum Katholizismus Konvertierten auszeichnete, vor der Welt der Politik, vor Atomkraftwerken und Kinderarbeit, Schändung jüdischer Friedhöfe und kalten Kameraaufnahmen von sterbenden Kindern in Afrika. Diese Tagebücher, merkt Strempel an, gehören zu "den ausführlichsten und an Jahren umfassendsten der Literaturgeschichte". Erstaunlich findet sie, dass der Autor mit den Jahren nicht milder sondern eher immer schonungsloser mit der Welt ins Gericht gegangen ist. Jedoch "öffnen Greens Tagebücher keine Fenster in seine geheimsten Lebensträume", schreibt Strempel und zitiert seine Selbstaussage hierzu: `Mein wirkliches Tagebuch steckt in meinen Romanen.`
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