John Burnside

Lügen über meinen Vater

Cover: Lügen über meinen Vater
Albrecht Knaus Verlag, München 2011
ISBN 9783813503159
Gebunden, 382 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Am Ende wünscht John Burnside seinem Vater nur noch den Tod. Er hat für den Mann, der über Jahre die Familie terrorisiert, der lügt und säuft, einzig Hass übrig. Doch er verbirgt seine Gefühle und schweigt. Bis die Begegnung mit einem Fremden ihn zwingt, sich seinen Erinnerungen zu stellen und diese Geschichte von alttestamentarischer Wucht zu erzählen.
Der Vater war ein Nichts. Als Säugling auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfindet er sich in unzähligen Lügen eine Herkunft, will Anerkennung und Bedeutung. Er ist brutal, ein Großmaul, ein schwerer Trinker, ein Tyrann. Seine Verachtung zerstört alles, die Mutter, die Familie, John. Dieser hat als junger Mann massivste Suchtprobleme, landet in der Psychiatrie und erkennt in den eigenen Exzessen den Vater. Erst die Entdeckung der Welt der Literatur eröffnet ihm eine Perspektive.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2011

Erschüttert berichtet Rezensentin Angela Schader von John Burnsides autobiografisch grundiertem Roman "Lügen über meinen Vater", der von einem Mann erzählt, der seinem verhassten Vater immer ähnlicher wird. Der Vater ist ein Säufer, der sich selbst jedes Versagen verzeiht, aber andere mit seinen Trinkorgien, ständigen Nörgeleien und ungeheurer Brutalität tyranniert. Der sensible Sohn flüchtet vor dieser Rohheit in die Destruktion - Sadomasochsimus, Drogen und Alkohol. Was die Rezensentin an dem Roman besonders beeindruckt hat, sind der "durchdringende Scharfblick" und die "achtsame, hochdisziplinierte Sprachkunst", mit denen der schottische Dichter dem Milieu und der Geschichte seiner Herkunft nachgeht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.06.2011

John Burnsides "Lügen über meinen Vater" sind mehr als nur Kindheitserinnerungen oder die Geschichte seines Vaters, schreibt Rezensent Nico Bleutge. Es handle sich vielmehr um "Selbsterkundungen". Indem Burnside die Unzulänglichkeiten, die Grausamkeiten und das allgemeine Versagen seines Vaters rekapituliert, rekonstruiere er gleichzeitig die eigene Genese zum Dichter, wie der Rezensent betont. Die häusliche Kälte habe Burnside früh in die schottischen Wälder getrieben, wo er sich der Fantasie hingab - aus "Notwehr" habe er Verse und Geschichten entworfen, alternative Welten, weil ihm die wirkliche so wenig Freund war. Dass Burnside mitunter ins Moralisieren verfalle, gefällt Bleutge allerdings nicht so gut; ebensowenig die Neigung seiner Worte, oftmals zu "Weisheiten" zu gerinnen. Die Beigabe von Familienfotos hingegen, die Anreicherung der Erzählung um Reflexionen über das Erinnern sowie Vergleiche gegenwärtiger Sichtweisen mit damaligen erfreuen den Rezensenten und lassen ihn von einer "umfassenden Recherche" sprechen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.05.2011

John Burnside wird von der Kritik gemeinhin als "brillanter Apokalyptiker" gewürdigt, und Rezensent Christoph Schröder weiß nach der Lektüre von "Lügen über meinen Vater" einmal mehr warum. Denn dieser Roman, im Original vor "Die Spur des Teufels" und "Glister" erschienen, hat den Rezensenten in eine Welt aus "Halluzination, Delirium und Selbstauslöschung" geführt, die ihm psychisch noch "brutaler" erscheint als die seiner Nachfolger. Während der erste Teil des Romans die Übermacht des Vaters schildert, der seine armselige Existenz durch Lügen, Saufen und Prügeln kompensiert, liest Schröder den zweiten Teil als Fallstudie des "kaputten" Ich-Erzählers, der den Qualen der Kindheit durch Alkohol und Drogen zu entfliehen versucht. Einzig die Literatur verspricht Erlösung. Nicht nur der "nüchterne" und "illusionslose" Erzählstil dieses "beeindruckenden" Romans, sondern vor allem das Wissen darum, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um niemanden anderen als Burnside selbst handelt, hat den Kritiker an die Grenze des Erträglichen geführt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011

Hier spricht ein Wissender, ein Dunkler auch, da ist sich auch der hier rezensierende Autor Thomas Glavinic sicher. Ansonsten aber weiß er nur, er hat es mit einem ganz ganz Großen zu tun. Einem, der Maßstäbe setzt in der Literatur, der Sätze schreibt, die das eigene Dasein verändern können, weil sie es erhellen, nicht im Sinne eines schönen Scheins, sondern als finstere Offenbarung über das Sein. So in etwa sagt es Glavinic in seiner Besprechung dieses im Original vor fünf Jahren erschienenen Erinnerungsbuches des Autors John Burnside. Burnside berichtet darin von seiner Kindheit und Jugend in Schottland und England, von einem brutalen, alkoholabhängigen Vater und von sich als einem Einzelwesel, das versucht die Welt zu verstehen, aber daran unentwegt scheitert. Dass Burnside diese autobiografische Geschichte ohne Larmoyanz und mit luzider Sprache und stilistischer Brillanz gelingt, hält Glavinic für eine Offenbarung. Darin zeigt sich ihm die Macht der Kunst, die alles verwandelnde Magie von Literatur.