John Banville

Die See

Roman
Cover: Die See
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2006
ISBN 9783462037173
Gebunden, 219 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Alles hängt miteinander zusammen. Anna und der Kunsthistoriker Max sind glücklich verheiratet, als sie erfahren, dass Anna unheilbar an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird. Nach ihrem Tod flüchtet Max ans Meer, in den Ort, in dem er als Kind aufregende Sommer verlebte. Damals lernte er die unkonventionelle Familie Grace kennen mit ihrem Zwillingspaar Myles und Chloe. Mrs. Grace zieht den jungen Max magisch an und erweckt eine große Sehnsucht in ihm. Indem sich Max fast manisch erinnert, an seine erwachende Sexualität in diesem Sommer, an seine erotischen Phantasien und die spätere Liebe zu Chloe, an seine glückliche Zeit mit Anna und ihre letzten Tage im Krankenhaus, versucht er, sich mit dem erlittenen Verlust zu versöhnen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2006

Als elegant konstruiert, provokant elitär, überbordend und kühl zugleich, also Weltliteratur auf der Höhe ihrer Möglichkeiten feiert Rezensentin Julika Griem diesen vielschichtigen Roman. Zunächst fröstelt sie spürbar in den "eisigen Höhen" von John Banvilles Perfektion. Doch immer stärker verführt sie diese Geschichte eines Mannes, der am Meer um seine verstorbene Frau trauert und gleichzeitig in der Erinnerung seiner ersten Liebe nachspürt, zu genauem Lesen. Schließlich ist sie gebannt von der "traumwandlerischen Stilsicherheit", mit der Banville sein Spannungsverhältnis zwischen Gegenwart und Vergangenheit erzeugt, vom Krankheit und Tod, Liebe und Einsamkeit erzählt. Bis in die kleinsten Einheiten der Sprache spürt die Rezensentin die "Intensität" dieser Prosa und ihrer "raffiniert verschränkten Motive". Besonders beeindruckt sie die "visuelle Opulenz" des Romans und die Art, wie Banville darin das Medium Meer zur Grundmelodie seines Erzählens macht. Banville dringe mit seinem Roman in tiefe Bewusstseins- und Erinnerungsschichten vor, ohne das Meer populärpsychologisch auszuschlachten oder den Leser mit einem "Gefühlstsunami" zu überwältigen. In der Zumutung dieser Verweigerung liegt für die Rezensentin die besondere Schönheit dieses Romans. Auch Christa Schuenckes Übersetzung wird überschwänglich gelobt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006

Seinem Ruf als literarischer Terrorist wird der Autor zwar auch mit diesem Roman gerecht, Rezensent Michael Maar jedoch sieht darin zuallererst ein sprachliches Meisterwerk. Klang und Rhythmus findet er eingesetzt wie selten (erlebbar, laut Maar, auch in der Übersetzung). Ein Füllhorn von Bildern und Details hat er vor sich, einer geschmeidigen Zeitbehandlung verfällt er und einem anmutigen "Plot-Mobile", dessen weite Verzweigungen ihn spätestens bei der zweiten Lektüre mächtig überraschen. Und wozu die ganze so erfreuliche Kunst? Maar vermutet die dunkle Handlungsseite als Grund für die geballte Kompositionswucht, die Terrorseite, die auch Maar ordentlich angreift: "Ausartungen der Trauer", Unschönes aus den "schmutzigen Ecken der Seele", das er so rasch nicht vergisst. Und doch ist alles auf ein höheres Ziel hin ausgerichtet. Maar vermutet "etwas Neuplatonisches", Literatur sicherlich. Eine wie diese, wird er sagen, immer. Gern.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2006

Ijoma Mangold preist den irischen Autor John Banville als "Meister des abschweifenden Gebrabbels", wobei er sich sogleich zu versichern beeilt, dass dieses Etikett keineswegs negativ gemeint sei. Denn der unkontrollierte Bewusstseinsstrom ist laut Mangold doch erst Abbild und Ausdruck des Individuums und seines Lebens, und in "Die See" können wir Banvilles Hauptfigur Max Morden ungehindert in die Gedanken schauen. Der Roman hat drei Schichten, erfahren wir, auf der einen Ebene versucht Morden mit der Krebserkrankung und dem Tod seiner geliebten Frau fertig zu werden, auf einer zweiten Ebene hängt er Kindheitserinnerungen an einen Ferienurlaub am Meer nach, und auf der dritten steigt er nach dem Tod seiner Frau in eben jener Ferienpension seiner Jugend ab, erklärt der Rezensent. Mangold beschwört den Sog, der durch die den Bewusstseinsstrom seines Helden nachzeichnende Erzählweise entsteht. Dabei preist er auch die Übersetzung ins Deutsche von Christa Schuenke, die seiner Ansicht nach genau den Ton des Protagonisten zwischen "Lächerlichkeit und Größe" trifft. Banville hat aus einem durchaus konventionellen Genre ein grandioses Buch gemacht, resümiert der Rezensent hingerissen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.09.2006

Nicht allein sein bestes Buch hat John Banville aus Sicht des hingerissenen Rezensenten Tomas David geschrieben, nein, es sei auch eines seiner "schönsten", weil es so unaufdringlich daherkomme. Der fulminante Monolog des Ich-Erzählers folge bei sparsamer äußerer Handlung der Sprach- und Erkenntnisskepsis von Banvilles früheren Romanen, wachse aber in den besten Momenten darüber hinaus und gerate in einen höheren Aggregatzustand, jenseits des trügerischen Alltagsbewusstseins. Etwa dorthin, wohin schon John Banvilles Held in "Caliban" gelangen wollte, zum Ding an sich oder anderen Idealen der abendländischen Kultur, die der Autor immer schon als Kontexte seiner Literatur zitiert hat. Gefallen hat dem Rezensenten insbesondere, wie Banvilles Held zwischen Kindheits- und späteren Erinnerungen von wichtigen Frauenfiguren in seinem Leben wechselt, und wie "unsentimental" schließlich Krankheit und Tod der Ehefrau Anna dargestellt werde.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.09.2006

Als "wunderschön, poetisch, Gänsehaut erzeugend" feiert Rezensent Sebastian Wück, diese "eigenwillige und faszinierende Meditation über das Alter", deren Autor er für die formale Meisterschaft bewundert, mit der er sein Thema in Szene setzt. Es geht der Beschreibung des Rezensenten zufolge um einen alten Kunstkritiker, der an einen Ferienort seiner Kindheit zurückkehrt. Auf verschiedenen Zeitebenen füge John Banville langsam das Lebensbild seines Protagonisten zusammen. Inhaltliches sieht er dabei mit "obsessiver Beschreibung" sich vermischen. Fasziniert von einer "verführerisch bildreichen" und "bis zum Grotesken detailversessenen" Sprache, folgt der Leser Banvilles Beschreibung, die er eher "von Gedankenströmen" als von einer Handlung getragen sieht. Das Leserglück wird allerdings an manchen Stellen durch allzu geschraubte Sprache und eine Kunstfertigkeit, die sich zur Künstlichkeit steigert, getrübt. Auch die Übersetzung bekommt Minuspunkte, weil sie manche Mehrdeutigkeit im Deutschen zu eindeutig macht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.08.2006

Die einen seien begeistert, die anderen gelangweilt von diesem englischen Roman, schreibt Rezensent Hubert Winkels, der hier Aufklärungsbedarf über die Gründe der zwiespältigen Rezeption des Booker-preisgekrönten Romanes sieht. Er selbst rechnet sich eher der Begeisterten-Fraktion zu - allerdings mit Abstrichen. Auch ihn fesselt John Banvilles "sinnlich übervolle Vorstellungswelt", die gekonnte Mischung von "Sound und Sinn". Meisterhaft sieht er den Romancier sich auf dem "schmalen Grat" bewegen, "wo existenzielle Erfahrung und experimentelle Dramaturgie zusammenfinden". Im Zentrum stehe ein alter Mann namens Max, der ans Meer in den Ferienort seiner Kindheit zurückkehre, dort in die Vergangenheit abtauche, wo er den "untergründigen Verbindungen" nachsinne, die die verschiedenen Teile seines Lebens zusammenhalten. Der Rezensent findet literarische Anspielungen ebenso wie fein gesponnene metaphorische Fäden und wird immer wieder vom Schicksal des Protagonisten mitgerissen. Manchmal ist ihm aber zuviel Künstlichkeit im Kunstwerk, Manierismen, denen auch die ansonsten leichthändige Übersetzung von Christa Schuenke seiner Einschätzung zufolge nicht gewachsen war.
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