Joey Goebel

Vincent

Roman
Cover: Vincent
Diogenes Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783257064858
Gebunden, 434 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog und Matthias Jendis. Der Medienmagnat Foster Lipowitz ist ein todkranker alter Mann und bereut, dass er den Markt jahrelang mit sinnfreien Popsongs, miesen Filmen und albernen Fernsehserien überschwemmt hat. Er beschließt, alles wieder gut zu machen, indem er eine Schule gründet, in der hochbegabte Kinder zu echten Künstlern erzogen werden sollen. Und da er weiß, dass Kunst von Kummer kommt, sorgt er dafür, dass seine Schüler ständig neue Schicksalsschläge zu ertragen haben. Auch Vincent, der talentierteste Schüler von allen. Je tiefer Vincent in seinem Kummer versinkt, desto genialer werden die Texte, die er schreibt ... Ein Roman, dessen Handlung als Satire beginnt, sich in einen bizarren Alptraum verwandelt und am Ende zu Tränen rührt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2006

Rezensentin Evelyn Finger ist begeistert vor diesem 1980 geborenen Autor und seinem zweiten Roman, der sie als "defätistische Utopie" aber auch"poetologisches Vexierspiel" voll "wunderbaren Humors" faszinierte. Joey Goebel ist für sie der lebende Beweis, dass ein Schriftsteller keinesfalls "durch den Schlamm eines Weltkrieges gekrochen sein muss" um große Literatur zu produzieren. Erzählt werde die Geschichte eines "genialen Kindes", das "wie eine in die Wüste verpflanzte Orchidee" an der ihn umgebenden normalen Welt fast zu Grunde gehe, an ihrer Dummheit und korrupten Gnadenlosigkeit. Oberflächlich betrachtet könnte man das Buch, das in einer Medienwelt spielt, auch für einen Poproman halten. Tatsächlich aber handele es sich um einen "schwer melancholischen Erziehungsroman" aus dem Internetzeitalter, in dem sogar Gott Emails versende. Der "zielsichere Zyniker" Goebel bewege sich mit schlafwandlerischer Sicherheit im Zeichenuniversum der Popkultur wie früher die Schriftsteller in der antiken Götterwelt und beweist der tief beeindruckten Rezensentin, dass auch im Trash der Medienwelt Stoff für Weltliteratur zu finden ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2005

Eine "freche Medien- und Kunstsatire" sieht Rezensent Martin Zähringer in Joey Goebels Roman "Vincent". Die Idee des Romans über einen geläuterten Medienmogul, der zur Förderung wahrer Kunst jungen Talenten Agenten zuteilt, die ihnen als Quelle der Inspiration unbemerkt permanent Leid zufügen, findet Zähringer "toll". Goebel entwickle daraus eine "gediegene und gradlinig erzählte Story", die ihm einen Spielraum für die zeitgenössische Inszenierung jenes (Medien-)"Spektakels" der totalen Entfremdung biete. So gesehen erscheint Zähringer der Roman "witzig, originell und up to date". Andererseits geht der Autor seines Erachtens ein "großes Risiko" ein, weil er platte Medienwirklichkeit kritisiere, "indem er sie radikal imitiert". Als Konsequenz muss Zähringer konstatieren, dass die Figuren des Romans mit Ausnahme der beiden Hauptfiguren ziemlich flach ausfallen. Die Dialoge der Schlusssequenzen hält er zudem für "so schmerzhaft banal, die Figuren so albtraumhaft platt und das Happy End so glitschig, dass einem angst und bange wird".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2005

Letztlich hat Joey Goebels Satire auf die Unterhaltungsbranche Rezensent Peter Körte nicht wirklich überzeugt, auch wenn er sich über weite Strecken gut unterhalten fühlt. Keine Frage, dass Buch liest sich gut, schon weil es in der Oberflächenwelt der Popkultur angesiedelt ist. Auch die zugrunde liegende Idee findet Körte gar nicht mal übel. Da geht es um das künstlerische Wunderkind Vincent, das auf die Eliteschule eines Medientycoons kommt. Nachdem dieser sein Leben damit verbracht hat, die Welt mit Mainstream-Produkten zu überschwemmen, will er sich zuletzt als Förderer wahrer Kunst erweisen. Und weil er meint, große Kunst komme durch Leiden zustande, stellt er Vincent den abgehalfterten Musikkritiker Harlan als Manager zur Seite, damit er ihm das Leben zur Hölle macht. Zum Bedauern Körtes ist die Idee besser als Goebels Mittel, sie in eine schlüssige Erzählung zu verwandeln, weswegen die Charaktere mit fortschreitender Handlung "immer blasser und langweiliger" werden. Als Satire auf den Medienbetrieb ist ihm das Buch "nicht grell, auch nicht spielerisch genug". Zudem findet er, dass Vincents Werke keinesfalls Rettung vor dem angeblich so geistlosen Mainstream verheißen. Überhaupt scheint ihm Goebels Frontalangriff auf die Mächtigen im Gewerbe "nicht gerade originell". Die auftauchenden Senderchefs, Rechtsanwälte und Stars hält er nur für "mäßige Karikaturen und Projektionen eines vagen Ressentiments gegenüber der Unterhaltungsindustrie".