Jochen Schimmang

Neue Mitte

Roman
Cover: Neue Mitte
Edition Nautilus, München 2011
ISBN 9783894017415
Gebunden, 256 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Winter 2029/30. Deutschland hat nach neun Jahren Juntaherrschaft vier Jahre Übergangsregierung unter englischer Führung hinter sich. Das ehemalige Regierungsgelände in Berlin ist Niemandsland. Doch hat sich dort inzwischen ein bunter Haufen von Menschen angesiedelt, die ihr Utopia leben: intelligent, gebildet, die meisten vernetzt durch den Widerstand während der Juntazeit: ein Gärtner, ein Geigenbauer, ein anarchistischer Lektürezirkel, das Restaurant "Le plaisir du texte". Nun soll dort auch eine Bibliothek eingerichtet werden - für deren Aufbau ist Ulrich Anders nach Berlin gekommen, der Erzähler des Romans. Doch der Zustand glückseliger Freiheit ist bald bedroht: Aus den verlassenen U-Bahn-Schächten heraus unternimmt die Junta einen neuen Putschversuch. Eine Drahtzieherin scheint die schöne Witwe des Juristen der Junta zu sein, dessen Bibliothek Ulrich gekauft hatte. Und an was für einem geheimnisvollen Programm arbeitet Ulrichs Freundin, die Softwareentwicklerin Eleanor Rigby?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.11.2011

Jochen Schimmang verlegt sein Kernthema - die Klage über verpasste Chancen im alten Westen - hier in das Berlin des Winters 2029/30, erzählt Rezensent Michael Stallknecht. Während Deutschland nach einer neunjährigen Diktatur übergangsweise von England regiert wird, hat sich mitten in Berlin eine herrschaftsfreie Enklave gebildet, in welcher der ziellose, an Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnernde Protagonist Ulrich mit einigen Überlebenskünstlern und ehemaligen Junta-Mitgliedern eine Bibliothek aufbauen will, um die Bücher vor dem drohenden Verschwinden zu retten, berichtet der Kritiker. Er liest den Roman als vielschichtiges Referenzsystem, in dem nicht nur immer wieder an reale Personen, wie etwa Carl Schmitt, angelehnte Personen auftreten, sondern auch verschiedene Zeiten überblendet werden. Das gelinge Schimmang zwar "faszinierend elegant", allerdings findet der Rezensent die verharmlosende Collage diverser Diktaturen, etwa der afghanischen, italienischen oder deutschen, "extrem problematisch". Schimmangs Generation der 68er kommt dem Rezensenten nach der Lektüre etwas müde und mutlos vor.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.11.2011

Rezensent Ulrich Gutmair ist begeistert von diesem "postmodernen Zukunftsroman", der voller Querverweise und Anspielungen stecke und die Nachkriegsjahre mit unmittelbaren Nachwendezeit vermische. Es ist das Jahr 2030, lesen wir. Eine Militärjunta regiert in Deutschland, die demnächst durch Wahlen abgelöst werden soll. Das Personal scheint sich vor allem an Nazis angelehnt zu sein. Die kommunistischen Diktatoren findet Schimmang dagegen "historisch so irrelevant", dass sie im Buch keine Entsprechung finden, so Gutmair, der dagegen aber nichts einzuwenden hat. Es ist eh weniger die Handlung, die ihn an diesem Buch begeistert, als vielmehr das "Gespinst von Verweisen" und die Leichtigkeit der Satire.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2011

Sehr angetan zeigt sich Andreas Platthaus von diesem jüngsten Roman des Schriftstellers Jochen Schimmang. Das Buch bezieht sich, weniger als Fortsetzung denn als Gegenstück, auf den Vorgänger "Das Beste, was wir hatten". Letzterer spielte im Bonn der Spät-BRD. "Neue Mitte" dagegen ist angesiedelt im Berlin einer genüsslich ausgemalten Zukunft, genauer gesagt: des Jahrs 2029. Das Schlimmste ist da schon wieder vorbei - nämlich der faschistische Staat, den in der Hauptstadt nach einem Putsch ein Militärregime führte. Der Protagonist Ulrich Anders kehrt nun zurück nach Berlin, hat zuvor in Aachen im inneren Widerstand ausgeharrt. Viel hat der Rezensent an diesem Buch zu loben, obwohl er das Szenario als solches jenseits aller Wahrscheinlichkeit findet. Das macht jedoch nichts, resümiert Platthaus, da der Entwurf in sich vollkommen stimmig ist.
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