Javier Marias

Dein Gesicht morgen

Band 1: Fieber und Lanze. Roman
Cover: Dein Gesicht morgen
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004
ISBN 9783608936360
Gebunden, 488 Seiten, 24,50 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Jaime Deza, der vor vielen Jahren in Oxford unterrichtet hat, kehrt nach England zurück. Dort entdeckt er, daß sein ehemaliger Mentor, Sir Peter Wheeler, Mitglied dieses Geheimdienstes ist und daß er ebenfalls über eine bestimmte Gabe verfügt - oder ist es ein Fluch: Er kann sehen, wie ein Mensch sich später verhalten wird, er kann erkennen, wie das Gesicht morgen sein wird, er weiß, wer ein Verräter sein wird und wer loyal.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.02.2005

Aus der Form gelaufen sei Javier Marias neuer Roman, meint Rezensent Ijoma Mangold und befindet lapidar: "Kein gutes Buch". Knapp 500 Seiten, in denen die Handlung nicht von der Stelle komme, sich weitgehende in Monologexzessen verausgabe, tausendundein Motiv aufgreife und diese dann nicht zu einem spannenden Gewebe verbinde. Die faszinierende Welt des Protagonisten Jacobo, von Oxford nach Spanien zurückgekehrt und ausgestattet mit der Gabe, Menschen zu durchschauen und ihre zukünftigen Verhaltensweisen vorauszusehen, werde lediglich angedeutet. Dabei hätte der Roman ein moderner Logenroman werden können. Denn Marias zeichnet die modernen Geheimdienste als zeitgenössische Nachfolgeinstitution der Loge, indem er die erlesene Gruppe der "Begabten" im Dienst des britischen Geheimdienstes arbeiten lässt. Dies gelinge der an Motiven überladenen, "verquatschten" Geschichte jedoch nicht. Als beeindruckende Stellen will der Rezensent nur die Beschreibung der Geheimwissenschaft einer Elite gelten lassen, die einen "gleichsam an Shakespeares Genius geschulten privilegierten Wahrheitszugang" in Bezug auf menschliche Stärken und Schwächen habe.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Rezensent Kersten Knipp preist Javier Marias als "Meister der Drehungen, Verschiebungen und Wendungen", der den alltäglichsten Szenen und gewöhnlichsten Gegenständen Überraschendes entlocken kann. In dem vorliegenden Roman habe er diese "Kunst des nie endenden Apercus" sogar noch gesteigert, die Handlung tritt in den Hintergrund und weicht einem "assoziativen Ideenspiel". Zudem ist der Autor für Knipp ein solcher "Virtuose des Klangs", dass der Leser den Plot gar nicht mehr vermissen werde. Für Marias sei die Geheimdienstkarriere seines Protagonisten nur der Hebel, um über den Mensch als Träger und Verräter von Geheimnissen nachzudenken. Und so lässt sich hinter all der "betörenden Wortkunst" doch das Ringen um letztes Wissen erspüren, meint Knipp, und vermutet darin auch den Grund für die "geheime Größe" dieses "wunderbar leichten" Buches.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.09.2004

Javier Marias' Romane schienen bisher immer Teile eines riesigen Fortsetzungsromans zu sein, bemerkt Rezensentin Katharina Granzin. In dieser Hinsicht sei "Dein Gesicht morgen" kein klassischer Marias, denn hierbei handele es sich tatsächlich um einen Fortsetzungsroman, der die (in "Alle Seelen" verstorbene) Figur des Toby Rylands in der Gestalt des emeritierten Professors Peter Wheeler wieder zum Leben erwecke. Über diesen Professor, so die Rezensentin, gelange der Erzähler an eine Stelle beim Geheimdienst, die sich mit "psychologischem Profiling" beschäftige und somit die "Sprache als Mittel des Verrats" auslote. Genau diesem Diktum, das schon im ersten Satz anklingt ("Man sollte niemals etwas erzählen..."), widerspreche allerdings der gesamte Roman, der sehr stark auf Klartext abziele, dabei aber die "Unzulänglichkeit" der Sprache thematisieren wolle. Doch es scheint der Rezensentin, als ob Marias zum "Opfer der eigenen Sprachgewandtheit" geworden sei: Gewundene, immer wieder neu formulierte Darstellungen einfacher Sachverhalte überstrapazieren irgendwann auch den wohlwollenden Leser. "Außergewöhnlich monothematisch" kreise der Roman um die Frage "Was kann passieren wenn man redet?", und sei durch diese Besessenheit meilenweit entfernt von der üblicherweise für Marias typischen "leichtfüßig melancholischen, poetisch-philosophischen Grundstimmung". Neugierig auf die Fortsetzung ist die Rezensentin trotzdem.
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