Sie kämpften gegen Wikinger, vergifteten ihre Feinde und waren Spioninnen - die vergessenen Frauen des Mittelalters kümmerten sich beileibe nicht nur um Haus und Hof. Dennoch ist es genau dieses Bild einer patriarchalen Gesellschaft, die Frauen unterdrückte, das unsere Vorstellung vom Mittelalter prägt. Es waren Männer, die diese Geschichte schrieben und die Frauen des Mittelalters aus unserem kollektiven Gedächtnis verbannten. Die Oxford-Historikerin Janina Ramirez gibt in ihrem Buch Frauen ihren Platz in der Geschichtsschreibung zurück: Sie erzählt von der mächtigen Königin Jadwiga von Polen, der wilden Kriegerin Æthelflæd oder der außergewöhnlichen Heilerin Hildegard von Bingen und eröffnet uns so ein buntes Kaleidoskop an verschiedensten weiblichen Lebensrealitäten, die die ganze Vielfalt dieses "dunklen Zeitalters" abbilden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.04.2023
Bisher hatte Rezensentin Kia Vahland das Mittelalter als eine Epoche großer Männer vor Augen - "brutal, dreckig, unvernünftig". Deswegen freut sie über dieses Buch der britischen Kulturwissenschaftlerin Janina Ramirez, das ihr von imposanten Herrscherinnen erzählt. Vor allem die Wikingerinnen brachten fantastische Königinnen hervor, lernt Vahland, aber auch das angelsächsische Reich Mercia konnte mit Aethelflaed und Aelfwynn große Heerführerinnen aufbieten. Dass sich Ramirez auf nordische Frauenfiguren konzentriert und etwa die byzantinische Kaiserin Irene unerwähnt lässt, bedauert die Kritikerin zwar. Aber da das Buch gut erzählt sei und auch keinen Versuch unternehme, eine moralische Überlegenheit weiblicher Herrscherinnen zu konstatieren, sieht sie darüber hinweg.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2023
Rezensent Steffen Patzold findet es einerseits toll, dass Janina Ramirez an die Frauen des Mittelalters von Emily Wilding Davison bis Margery Kempe erinnert und über weibliches Leben und Leisten zwischen dem 7. und dem 15. Jahrhundert lebensprall und gut informiert berichtet. Nicht so großartig findet er indes, wie vollmundig die Autorin ihr Vorhaben anpreist. Denn: So grundstürzend neu wie Ramirez meint, ist ihre Arbeit nicht, meint Patzold. Das Buch sieht er eher als gelungene Zusammenfassung der Forschung mit einem etwas "altbackenen" Ansatz. Die Geschichte großer Männer einfach durch eine Geschichte großer Frauen zu ersetzen, wie es die Autorin macht, hält er für keine so große wissenschhaftliche Leistung.
Die Historikerin Janina Ramirez schreibt eine neue Geschichte des Mittelalters anhand von bedeutenden Frauen, freut sich Rezensentin Marianna Lieder. Von der Eremitin Juliana von Norwich, die als "Urbild der exzentrischen Cat Lady" als erste Frau überhaupt einen englischsprachigen Text verfasst hat, bis zur heilkundigen und stets streitbaren Hildegard von Bingen werden Frauenleben dem drohenden Vergessen enthoben. Besonders hebt die Rezensentin hervor, dass die Autorin zwar mit Bewusstsein für moderne Fragen von Geschlecht und Geschlechterordnungen schreibt, ihre zeitgenössischen Ansichten aber nicht auf ihre Protagonistinnen der letzten Jahrhunderte überträgt. Abwechslungs- und aufschlussreich, wie Lieder mit den ansprechenden und witzigen Beispielen beweist.
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