James Hamilton-Paterson

Nachtblüte

Roman
Cover: Nachtblüte
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783458171263
Gebunden, 196 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen. Im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich eine illustre Gesellschaft aus Diplomaten und Honoratioren regelmäßig im Palmenhaus einer nordeuropäischen Hauptstadt ein - angezogen von Blüten bei Kerzenlicht, vor allem aber von Wärme. Denn das Palmenhaus gehört zu den wenigen öffentlichen Orten, die beheizt werden. Leon, der Kurator des Hauses, überwacht die bunten Schmetterlinge, gibt Auskunft, hält sich am Rand. Nur mit einer ostasiatischen Schönen redet er oft und lang. Sie erinnert den Einzelgänger an Kou Min, ein Mädchen aus dem Fernen Osten, die dem verwaisten Jungen im Tross eines Meeresforschers über den Weg lief. In seiner Einsamkeit spricht Leon mit den Pflanzen - und die mit ihm. Einmal rettet er einen Zigeunerjungen von "draußen" und nimmt ihn zu sich, heimlich, in den Heizungsanbau...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.03.2003

James Hamilton-Paterson, ein viel gereister und gebildeter Mann, hat für Georg Sütterlin eine unverkennbare Erzählstimme, die ebenso in seinen eher journalistisch-essayistischen Reisebüchern wie in seiner Prosa zu finden sei. Diese Erzählstimme verrät Sütterlin einen scharfen und etwas müde wirkenden Intellekt, der Trost in der Gelehrsamkeit wie in der sinnlichen Erfahrung sucht. Einen Hauch von Überkultiviertheit konstatiert der Rezensent. Das gelte auch für für den Band "Nachtblüte", der im Original bereits 1993 erschienen ist. Im ersten Nachkriegswinter 1945/46 gewährleistet der Gärtner Leon sich und anderen Besuchern den absoluten Luxus, ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen in Betrieb zu halten. In Rückblenden wird das Leben dieses wunderlichen Autodidakten und Pflanzenspezialisten aufgerollt, berichtet Sütterlin, dabei kulturgeschichtliche Exkurse über Glashäuser oder die Taxonomie eingeflochten, nie belehrend, findet Sütterlin, sondern scharfsinnig und unterhaltend, so wie ihm die Sprache Hamilton-Patersons insgesamt sehr reich erscheint. Ein unverbrauchter Stil, hervorragend übersetzt, so Sütterlin, und ein überzeugendes Plädoyer für die sinnliche Wahrnehmung und den Stellenwert der Natur, dem eine gewisse Schwermut nicht abzusprechen sei.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2003

Hans Peter Kunisch ist von diesem Roman, dessen Hauptfigur der Gärtner und Kurator eines riesigen Palmenhauses ist, durchaus angetan. Ihn beeindruckt die Mischung von Naturmystik, bei der die Pflanzen selbst zu sprechen anfangen, und historischer Präzision, die die hauptsächlich in den 1940er Jahren spielende Handlung zeigt. Besonders die Sprache des britischen Autors, der heute in Italien lebt, hat es ihm angetan mit ihrer "mimetischen, anschmiegsamen Genauigkeit", die dem Leser unmittelbare "sinnliche Erfahrung" vermittele. Mitunter allerdings hat unser Rezensent auch einen allzu deutlichen "Hang ins Pädagogische" bemerkt. Nicht durchgängig gelinge es dem Autor, das "Sprechen der Pflanzen" darzustellen. Doch für Kunisch schafft es Hamilton-Paterson mit seiner "Poetik der Unentschiedenheit" immer wieder, die Grenzen zwischen Mensch und Natur aufzuheben, und den Leser die "Wahrnehmungsveränderungen", die der Roman eindrücklich beschreibt, sinnlich miterleben zu lassen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2003

Für Georg Diez kultiviert dieser bereits 1993 erschienene Roman des Briten Hamilton-Paterson "gepflegte Langeweile", was nicht unbedingt negativ gemeint ist. Dazu später. Hamilton-Paterson sei hierzulande mit seinen Ozeanessays und Reiseberichten bekannt geworden, die sein bewegtes Leben in Manila oder in der Toskana reflektierten. Der Roman "Nachtblüte", im Original "Griefwork" betitelt, was für Diez schwärzer, sehnsüchtiger klingt, erscheint dem Rezensenten "wie aus der Zeit gerutscht". Er schildert das Porträt eines jungen Mannes, der mit seiner "Klassifizierungslust der Natur" die Sehnsüchte des 19. Jahrhunderts spiegelt. Leon lebt in einem Gewächshaus, in das er sich vor den Deutschen zurückgezogen hat, in einer künstliche Welt der Zuchtpflanzen, die sofort zusammenfällt, lautet die Analyse des Rezensenten, als Luft, Leben, Liebe dort einbrechen. Wild wächst die Botanik, schreibt Diez, und wild wuchere auch die Prosa Hamilton-Patersons, von der diesmal ein leicht süßlicher Duft ausgehe statt wie sonst die herbe Meeresbrise. Die Menschen sind nur eine Spezies unter anderen in diesem botanischen Kosmos, befindet Diez, vom Autor aufmerksam und mit jener britischen gepflegten Langeweile betrachtet, die Kitsch und Kunst stilvoll miteinander zu verbinden wisse.
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