Jakob Hein

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste

Roman
Cover: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
Galiani Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783869713168
Gebunden, 256 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Nicht im Traum wäre sein Chef darauf gekommen, dass ausgerechnet Grischa, dieser schüchterne Assistent der Plankommission, zu Subversion neigt und einen - zugegeben - ziemlich genialen Plan ausheckt, wie ihr maroder Laden an eine neue, überraschend gut sprudelnde Finanzquelle gelangt. Wobei 'Laden' in diesem Fall für ein ganzes Land steht. Vielleicht lag es daran, dass Grischa einen etwas eigenwilligen Filmgeschmack hat, in dem sich amerikanische Drogenmafia-Thriller mit sozialistischen Heldenepen kreuzen? Jedenfalls: Grischas Chef kommt aus dem Staunen nicht raus, und mit ihm staunen alle möglichen greisen Minister im Zentralkomitee. Am meisten staunt allerdings kurz darauf der Polizeichef von Westberlin, als sich am Grenzübergang Invalidenstraße tumultartige Szenen abspielen, und zwar auf der falschen (!) Seite. Hunderte junge Leute wollen nach drüben, in den Osten, als wäre Magie im Spiel. Als die Regierung in Bonn Wind davon bekommt, wird die Lage brenzlig. Doch da macht der Osten dem Westen ein Angebot, das er nicht ablehnen kann!

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.03.2025

Eine gutes Beispiel "für kritische Ostalgie" sieht Rezensent Andreas Rüttenauer in Jakob Heins Buch über einen Jungsozialisten, der die DDR im Staatsauftrag mit Hanf versorgt. Aber keine Angst, Verklärung über ein "drolliges Diktatürchen" findet hier nicht statt, Kritik am diktatorischen System kommt nicht zu kurz, gleichzeitig bietet Hein dem Kritiker hier aber gute und verrückte Unterhaltung. Gut findet Rüttenauer neben dem gelungenen Plot, wie Hein Realhistorie verhandelt und rechnet ihm außerdem hoch an, dass er den von Franz Josef Strauß in die Wege geleiteten "miesen Mastfleischdeal" in seine Geschichte eingebaut hat. Sowieso sind die realhistorischen Verhältnisse schon absurd genug, da muss der Autor eigentlich gar nicht so viel dazu erfinden, schließt der vom Buch vollständig überzeugte Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.03.2025

Kann schon sein, dass mancher diese "märchenhafte Medizinalhanfsatire" als DDR-Verharmlosung aufnehmen könnte, meint Rezensentin Katharina Granzin. Aber für alle, die die DDR "unbeschadet" überstanden haben, birgt dieser Roman ein großes Lesevergnügen: Es geht um Grisha, einen "aufrechten sozialistischen Jungaktivisten", dessen "Arbeitsgruppe Afghanistan" in der Berliner Plankommission leider gar nichts zu tun hat, wie Granzin erklärt. Zum Glück kommt Grischa die Idee, dass die Afghanen sehr wohl eine Ressource haben, die den deutschen Sozialisten fehlt: Cannabis. Daraufhin macht sich er ganze Trupp auf zu einer Expedition udn kommt mit kiloweise Gras zurück. Der Kritikerin gefällt jedenfalls, dass hier nicht nur die Mentalität der DDR-Funktionäre, sondern auch die der BRD-Behörden aufs Korn genommen werden (wenn auch nicht in gleichem Maße). Ein bisschen Satire, ein bisschen Schelmenroman und ein guter Plot - Granzin ist zufrieden mit der Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2025

Herrlich überdreht ist dieser neue Roman des Psychiaters und Schriftstellers Jakob Hein, schwärmt Rezensentin Rose-Maria Gropp fest: Sein Protagonist Grischa fängt 1982 als junger Mitarbeiter der Staatlichen Planungskommission in Ostberlin an, aber es gibt einfach nichts zu tun. Grischa beschäftigt sich in seinem Job mit "Arten des kunstvollen Wartens", bis ihm ein "Afghanistan-Plan" einfällt, der den Ankauf von "Medizinalhanf" vorsieht, das dann für Westgeld in die BRD verkauft werden soll, schildert die amüsierte Rezensentin. Ihr gefällt, wie sich die Romanhandlung zu einer deutsch-deutschen Geschichte entwickelt, in die selbst ranghöchste Politiker wie Erich Mielke oder Rainer Barzel verwickelt sind - dass die Charaktere dabei eher scherenschnittartig präsentiert werden, passt ihr zufolge ganz gut zur satirisch-lustigen Ausrichtung des Buches. Und trotzdem, betont die Kritikerin abschließend, kommt das Buch den innerdeutschen Verhältnissen vielleicht gerade deshalb doch besonders nahe.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.02.2025

Jakob Hein muss mindestens so laut gelacht haben wie die Kritikerin selbst, glaubt Elke Schlinsog, die uns hier den vielleicht lustigsten Roman der Saison ans Herz legt. Worum geht's? Jung-Aktivist Grischa überlegt, wie man die marode DDR Mitte der Achtziger sanieren könnte und kommt auf die Idee, den Cannabis-Handel mit dem kriegsgeschundenen Bruderland Afghanistan anzukurbeln. Eine Planungsgruppe reist nach Kabul, begutachtet nicht nur berauscht den Stoff, sondern überlegt auch, wie gut sich Hanf auf den Sozialimus auswirken könnte, resümiert die Rezensentin. Immer irrwitzigere Einfälle kommen Hein in den Sinn, etwa wenn Westhippies die Mauer stürmen, um ans Ost-Cannabis zu gelangen. Schlinsog ist hingerissen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.02.2025

Rezensent Lothar Müller gibt zu, dass Jakob Heins neuer Roman nicht die Spritzigkeit eines Billy Wilder erreicht, aber das ist auch hoch gezielt, findet der Rezensent. Hein vermag ihn durchaus gut zu unterhalten mit seinem Mix aus einer Komödie über einen DDR-Apparatschik, der den Hanfhandel mit der BRD anleiert, und historischen Daten und Figuren, die mitunter etwas Sand ins Getriebe der Erzählung streuen. Der Komödienplot behält laut Müller zum Glück die Oberhand über dem Realhistorischen, das Hein mit einem Glossar mit Abkürzungen aus dem DDR-Sprech stützt. Wie der Autor seine Geschichte mit dem historisch verbürgten Milliardendeal zwischen Strauß und Schalck-Golodkowski und auch noch mit einer Lovestory garniert, findet Müller allerdings durchaus gekonnt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.02.2025

Rezensent Jan Drees erfährt bei Jakob Hein nicht nur, was es mit einem rätselhaften Milliardenkredit der BRD für die DDR auf sich hatte, sondern auch, dass ein gelernter Psychiater (Hein) einen unterhaltsamen Roman ohne Figurenpsychologie hinkriegt. Die skurrile Geschichte des Bilderbuch-Sozialisten Grischa, der an der deutsch-deutschen Grenze einen Kiosk für Schwarzen Afghanen eröffnet (Zielgruppe West-Berliner Hippies), verfasst der Autor laut Drees mit gehörigem Witz als "bekiffte Alternativerzählung" deutsch-deutscher Realitäten. Für Drees ein "dichter" Schelmenroman in schalkhaftem Ton a la "Lammbock" oder "Good Bye, Lenin".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.02.2025

Rezensentin Ingeborg Harms hat viel zu lachen mit Jakob Heins Roman über einen "Idealkommunisten" in der vom "gepflegten Nichtstun" bestimmten Ostberliner Plankommission PlaKo und seine Utopien. Eine Schwejk-Figur, die für Harms eine aparte Perspektive auf die DDR bietet. Wie der Psychiater Hein wiederum Familienaufstellung betreibt, um die DDR zu erklären und zu begreifen, mit der SED als Mutter, findet Harms unbedingt lesenswert, weil witzig und vor allem ideologiefrei.
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