Jakob Hein

Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht

Roman
Cover: Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht
Piper Verlag, München 2008
ISBN 9783492052078
Gebunden, 175 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Seit Boris Moser seine Agentur für verworfene Ideen eröffnet hatte, war niemand anderes als er selbst durch die Eingangstür getreten. Nun stand diese Frau vor seinem Schreibtisch, Rebecca. Kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern, und ihre Augen leuchteten. Während Boris noch darüber sinnierte, ob ihre elegante Nase ihr einen evolutionären Vorteil einbrachte, sprach Rebecca ihn an. Schlagartig wurde Boris klar, dass er diese Frau nie wieder gehen lassen durfte. Und dann tat er etwas, das er sonst unter allen Umständen vermieden hätte: Er erzählte ihr von einem verworfenen Romananfang. Er erzählte ihr von Sophia, die für ihren Auftrag­geber eine Geschichte aufschrieb. Sie handelte von dem Wissenschaftler Heiner, der kurz davor stand, den Sinn des Lebens zu ergründen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.01.2009

Geglückt kann Rezensentin Katharina Rutschky Jakob Heins Idee nicht finden, einen romantischen Roman zu schreiben. Wie sie in unnachahmlicher Entschiedenheit deutlich macht, hält sie die romantischen Romane von Tieck über Brentano bis Eichendorff allesamt für zu dick und langweilig. Und Heins "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" für überhaupt keinen Roman! Denn wenn sie auch dem "humoristischen Sonderling" gar nicht das literarische Talent absprechen möchte, sieht sie es doch weniger im prallen Erzählen als vielmehr darin, dank eines "hyperintellektuellen, idiosynkratischen Temperaments" eine literarische persona unterhaltsam und erkenntnisfördernd durch die Zeiten zu führen. Die Handlung nachzuerzählen, spart sich Rutschky, schließlich hat sie es hier mit dem - typisch romantischen - Kunstgriff zu tun, von zwei Liebenden aus einer äußeren Rahmenhandlung in immer tiefere Erzählkreise hinein- und wieder hinausgeführt zu werden. Doch auch wenn sie Hein durchaus Versiertheit in romantischer Poetik zugesteht, bleibt Rutschky bei ihrem Diktum: "Ein guter Roman wird nicht daraus".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.10.2008

Rezensent Jörg Magenau ist nahezu entzückt von dem neuen Roman von Jakob Hein, der im wahren Leben Kinderpsychiater ist und den Magenau für einen verhinderten Kinderbuchautor hält - was er in diesem Fall als echtes Kompliment meint. Das skurrile Personal seines Romans, in dem ganz viele Geschichten angefangen und nicht zu Ende gebracht werden, ist in den Augen des Rezensenten jedenfalls "grundsympathisch". Daran anschließend sympathisiert Magenau auch mit Heins Befremden über Facetten des modernen Lebens - mit "seiner freundliche Aversion gegen alles Karriereglatte, gegen Mode- und Medienjunkies" und stellt fest: "Literatur ist auch dafür da, um solchen Gefühlen Asyl zu gewähren". Der Rezensent jedenfalls freut sich über Heins Ideenreichtum und seine Fähigkeit, große Fragen mit "Leichtigkeit und Heiterkeit" und einem unkomplizierten literarischen Stil zu verbinden.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2008

Rezensentin Sandra Kerschbaumer lässt sich vom "scharfen, oft komischen Blick" in den Bann ziehen, den Jakob Hein, Oberarzt, Schriftsteller und Sohn von Christoph Hein, in seinem verschachtelt konstruierten Roman auf die Realität wirft. Boris Moser, Hauptfigur einer ersten Erzählebene, betreibt eine "Agentur für verworfene Ideen" und laboriert, wie alle anderen Protagonisten des Romans übrigens auch, an der existentiellen Frage, wie man sein Leben leben sollte, lesen wir. Diese Frage zieht sich auch durch die Erzählung einer bewusstlosen Frau, die unter der Last fremder Gedanken und Hoffnungen schier zusammengebrochen ist, und eines blinden unfrohen Schriftstellers, beides Protagonisten weiterer Erzählebenen, bemerkt Kerschbaumer bei ihrer Rekapitulation der komplexen Handlung. Dabei offenbart der Autor sein Talent, die Befindlichkeiten und Spleens des "modernen Mitteleuropäers" zu karikieren, so die Rezensentin amüsiert. Aber auch eine gehörige Portion Kulturkritik, insbesondere Kritik an der Informationsflut, der der moderne Mensch ausgesetzt ist, sei Hein so wichtig, dass er dafür noch eine weitere - die vierte - Erzählebene einziehe, in der er nichts Geringeres als den Faust-Stoff aufgreife. Dies selbstredend "ironisch und gut postmodern", was wegen des locker-komischen Tons bei allem Ernst, mit dem sich Hein dieses gewichtigen Themas annimmt, auch amüsant zu lesen ist, wie Kerschbaumer beteuert.
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