Jacqueline Harpman

Ich, die ich Männer nicht kannte

Roman
Cover: Ich, die ich Männer nicht kannte
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026
ISBN 9783608966701
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Luca Homburg. In einem unterirdischen Gefängnis sitzen neununddreißig Frauen. Was übertage geschehen ist, wissen sie nicht: Wurde die Welt verlassen, von einem Virus verwüstet? Die Frauen können sich nicht erinnern, wie sie in den Käfig gelangt sind, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Ihre Aufseher, sechs schweigsame Männer in Uniform, sprechen nicht mit ihnen und berühren sie nur, um sicherzustellen, dass keine von ihnen versucht, sich das Leben zu nehmen. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen. Als erste wagt jene vierzigste Gefangene den ersten Schritt, die nichts als das Gefängnis kannte. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen nicht die Freiheit, sondern eine Welt, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 24.04.2026

Rezensentin Dina Netz ist froh, dass durch einen TikTok-Hype dieser schon dreißig Jahre alte Roman eine neue Übersetzung erfahren hat: Jacqueline Harpman erzählt darin von einer dystopischen Welt, in der 39 Frauen in einem Käfig gefangen sind und von grausamen männlichen Wächtern bewacht werden. Die namenlose Ich-Erzählerin ist die einzige, die keine Erinnerungen an ein Leben davor hat, Emotionen kennt sie nicht, resümiert Netz. Als die Wärter weglaufen, können die Frauen fliehen, sind aber einer "postapokalyptischen Landschaft" überlassen. Die zentralen Fragen, die Harpman hier in schmuckloser Sprache stellt, rühren an den Kern dessen, was Menschsein bedeutet, so Netz. Ein Buch, das an Margaret Atwood und Marlen Haushofer erinnert und doch noch viele weitere Interpretationen zulässt, schließt die zufriedene Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.04.2026

Eine spektakuläre Wiederentdeckung feiert Rezensentin Judith von Sternburg mit dem erstmals 1995 erschienenen Roman der belgischen Autorin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman. Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in einem Käfig in einem Keller auf, zusammen mit 39 anderen Frauen: ohne Erinnerung, ohne Wissen über die Außenwelt, ohne je einen Mann gesehen zu haben, erfahren wir. Was geschehen ist, bleibt ungeklärt: eine Machtergreifung planetarischen Ausmaßes? Außerirdische? Harpman verweigere konsequent jede Erklärung und treibe ihre Geschichte zugleich einem "entsetzlichen, lapidaren, logischen" Ende zu, staunt Sternburg. Den gängigen Vergleich mit Atwoods "Der Report der Magd" weist sie als "absurd" zurück. Hier gehe es nicht um zielgerichtete Unterdrückung, sondern um die Frage, wie Frauen sich in einer Extremsituation zurechtfinden, findet die Kritikerin zuletzt. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.03.2026

Dass ein Tiktok-Hype diesem Roman nach dreißig Jahren zu einer deutschen Übersetzung verhilft, ist für Rezensent Christiane Lutz ein Grund zur Freude, denn sie liest die Dystopie von Jacqueline Harpman mit Gewinn. Verstörend, irritierend und berührend zugleich wird das Buch von den Bookfluencerinnen genannt, dieser Meinung schließt sich Lutz an: Die Ich-Erzählerin lebt jahrelang mit 39 anderen Frauen in einem Kellergefängnis, irgendwann kommen sie durch Zufall frei, aber die Welt ist nicht mehr wie zuvor, ganz karg und leer. Im nüchternen Ton entwirft Harpman laut der Rezensentin ein postapokalyptisches Szenario, das sich den existenziellen Fragen des Lebens und des Todes widmet. Der originale französische Titel spielt auf die Doppeldeutigkeit des Wortes "Hommes" an, das sowohl Männer als auch Menschen bedeutet, erklärt Lutz, Männer trifft die Protagonistin keine, aber auf die Schwierigkeiten der Frage, wie man ein Mensch sein kann, wenn alles, was das Menschsein ausmacht, nach einer Katastrophe nicht mehr da ist. Auch Harpmanns Erfahrung als Überlebende des Holocaust wird in dieses Buch mit hineingespielt haben, ist sie sich sicher, ebenso wie die Frage danach, was nach dem Überleben kommt. Ein Buch, das mit diesen Fragen gut in unsere Zeit passt, resümiert die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.03.2026

Rezensentin Sonja Hartl annonciert ein ganz besonderes Buch mit diesem bereits 1995 im französischsprachigen Original erschienenen Roman der belgischen Autorin und Psychoanalytikerin Jacqueline Harpman. Die Kritikerin taucht hier ein in eine düster-dystopische Welt: 39 Frauen und ein kleines Mädchen wachen in einem von Wärtern bewachten unterirdischen Käfig auf, finden plötzlich den Schlüssel und somit den Weg ins Freie, wo sie das Nichts erwartet. In Form eines Memoirs und in nüchterner Sprache erzählt Harpman, wie die Frauen versuchen in der neuen Umgebung zurechtzukommen. Vor allem aber überzeugt der schmale, eindrückliche Roman durch das, was nicht erzählt wird, versichert Hartl, die hier ein "leises, schwermütiges Buch über Einsamkeit" gelesen hat. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026

Rezensentin Anna Vollmer staunt über die halb dystopische, halb utopische Welt ohne Männer, die die kürzlich auf TikTok neu entdeckte belgische Autorin in ihrem schon 1995 erschienenen Roman entwirft. Aber um die Männer geht es gar nicht so sehr, meint Vollmer: In einem unerklärten Szenario sind 39 Frauen und ein Mädchen (die Erzählerin) in einem unterirdischen Käfig gefangen, unter unmenschlichen Bedingungen und von männlichen Wärtern bewacht, bevor diese plötzlich verschwinden und die Frauen freikommen - in eine nicht viel abwechslungsreichere, karge Landschaft. Wie Harpmann durch dieses Szenario hindurch nur untergeordnet über die Bedeutung von Männern und Fortpflanzung für das Leben, übergeordnet aber über die Essenz des menschlichen Daseins reflektiert, und zwar aus der erzählerisch klug gewählten Perspektive des Mädchens, das ein Leben außerhalb des Käfigs gar nicht kennt, ist für die Kritikerin ein spannendes "Gedankenexperiment". Wie feministisch diese Fortpflanzungsthematik am Ende ist, stellt Vollmer dahin; schön und fast utopisch findet sie aber, wie respektvoll die Frauen trotz der unmenschlichen Umstände miteinander umgehen. Ein Roman, in dem gar nicht so viel passiert, dafür aber umso mehr in den Köpfen der Leserschaft, lobt sie.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.03.2026

Rezensentin Marie-Luise Goldmann ist ziemlich froh, dass der TikTok-Hype dazu verholfen hat, dass Jacqueline Harpmans Roman dreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung endlich auch auf Deutsch erscheint: Die 1929 in Belgien geborene Autorin stellt darin auf dystopische Weise existenzielle Fragen nach dem Sinn und den wichtigsten Kräften des Lebens. Ihre Protagonistin scheint die letzte Überlebende zu sein, eine zeitlang war sie mit anderen Frauen in einem Gefängnis eingesperrt, Männer hat sie in ihrem Leben bislang keine kennengelernt, resümiert Goldmann. Ihr gefällt, wie sich das Buch klaren Einordnungen entzieht und Erklärungen verweigert, etwa woher Leichenberge kommen, oder warum die Erzählerin in einem lichtlosen Keller aufgewachsen ist. Die Kritikerin fühlt sich an Kafka und Haushofer erinnert: Ein "Meisterwerk", das lange nachhallt, findet sie.

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