Hilary Mantel

Jeder Tag ist Muttertag

Roman
Cover: Jeder Tag ist Muttertag
DuMont Verlag, Köln 2016
ISBN 9783832198237
Gebunden, 256 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Längst haben es die Nachbarn aufgegeben, mit Evelyn und Muriel Axon Kontakt zu pflegen. Das ist Evelyn, die früher gelegentlich als Medium arbeitete und sich von Geistern verfolgt fühlt, nur recht. Zusammen mit ihrer Tochter verbarrikadiert sie sich in ihrem Haus, das mehr und mehr verfällt. Mit den Sozialarbeitern, die ihre geistig behinderte Tochter fördern wollen, wird sie schnell fertig. Aber wie soll sie mit Muriels Schwangerschaft und dem Kind, wenn es denn mal da ist, umgehen? Isabel Field ist die neueste Sozialarbeiterin, die den Widerstand der Axon-Damen brechen will. Sie ist ähnlich verbissen und starrköpfig wie Evelyn. Und hat ebenso viele Probleme: einen sexuell sehr aktiven Vater, der seine Eroberungen in den Waschsalons der Kleinstadt macht, und einen schwärmerischen, aber angstgetriebenen Liebhaber, Colin Sydney, der Abendklassen besucht, um seiner dominanten Frau zu entkommen. Wäre da noch Muriel. Sie scheint ganz offensichtlich ein eigenes Leben zu haben, von dem weder ihre Mutter noch die Sozialarbeiter etwas ahnen. Und man fragt sich, ob Muriel wirklich so behindert ist, wie alle glauben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2016

Rezensent Patrick Bahners kann nur staunen, wie viel Spannung und Schrecken Hilary Mantel aus ihrem Stoff herausholt. Mantels erster Roman, nun auf Deutsch vorliegend, gibt Bahners einen Eindruck, inwiefern die Familie der Quell des Elends sein kann. Zwischen Lachen und Gruseln liest Bahners den "Schauerroman" mit satirischen Elementen, den Mantel mit den Mitteln des psychologischen Realismus verfasst, wie der Rezensent erklärt. Das Böse steckt hier in den monotonen Alltagsverrichtungen, so Bahners, und die Autorin bringt es gekonnt zum Sprechen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2016

Rezensent Burkhard Müller taucht mit Hilary Mantel ein in das England der 70er. Unerträglich trist und elend erscheint ihm diese Welt, in der Mantel treu zu ihren Figuren hält, wie Müller anerkennend feststellt. Wie die Autorin ihn zwingt, hinzusehen und das Elend zu begreifen, die seelische Verkümmerung der Figuren, scheint ihm bemerkenswert. Ein dezentes, kluges und emotional starkes Buch, meint er, rabenschwarz, britisch eben. Und mit den 30 Jahren Abstand zur Originalveröffentlich wie eine Art Charles Dickens des späten 20. Jahrhunderts.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.07.2016

Hilary Mantels bereits 1985 erschienenen und nun von Werner Löcher-Lawrence gelungen ins Deutsche übersetzen Roman "Jeder Tag ist Muttertag" hat Rezensent Michael Schmitt ebenso beeindruckt wie entsetzt gelesen. Denn diese Geschichte um ein isoliertes, in "klaustrophobischer" Nähe zusammenlebendes und sich gegenseitig zerstörendes Mutter-Tochter-Duo - die Tochter geistig zurückgeblieben und aggressiv, die Mutter emotional verkümmert mit Hang zum Esoterischen - ist derart boshaft und erbarmungslos satirisch, dass dem Kritiker das Lachen im Halse stecken bleibt. Allein wie Mantel in ihrem Debütroman das hoffnungslose Leben der Mittelschicht abbildet und weitere ambivalente Figuren in diese "erstickende Welt" zwischen Realismus und Übersinnlichem einbindet, ringt Schmitt größte Anerkennung ab. Auch wenn der Roman noch nicht ganz auf der Höhe von Mantels "Ermordung Margaret Thatchers" angelangt ist, kann Schmitt diesen gekonnt zwischen Erzählperspektiven und verschiedenen Tonarten springenden Roman unbedingt empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 18.06.2016

Hilary Mantels 1985 im Original erschienener Debütroman wird deprimieren, warnt Richard Kämmerlings vor. Belohnt werden Leser mit starken Nerven in jedem Fall aber mit Erkenntnis, fährt der Kritiker fort, der hier Schreckliches aus dem Alltag einer Sozialarbeiterin liest: Mit einigem Sarkasmus beschreibe Mantel das Versagen der Behörden im Falle einer geistig behinderten schwangeren Frau, die mit ihr schwer traumatisierten und sadistischen Mutter zusammenlebt. Allein wie die Autorin zwischen den Innenperspektiven von Mutter und Tochter wechselt, lässt den Rezensenten mit einiger Bewunderung an Elias Canetti oder Iris Murdoch denken. Nicht zuletzt lobt er Mantels "bitterbösen" Humor und attestiert ihr ein feines Gespür für "Rasierklingenschärfe in banalsten Bemerkungen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.06.2016

Petra Pluwatsch kennt Hilary Mantel vor allem als Verfasserin opulenter historischer Romane. Dass die Autorin auch die Gegenwart treffend zu erfassen vermag, beweist sie der Rezensentin mit diesem Frühwerk von 1985. Die Enge der 70er Jahre wird für Pluwatsch sofort spürbar, wenn Mantel von zwei abgeschottet und verwahrlost lebenden Frauen erzählt, über die sich die Nachbarn das Maul zerreißen. Dass es im Haus von Mutter und Tochter tatsächlich Gespenster gibt, wie es heißt, möchte Pluwatsch nicht ausschließen. Bitterböse, meint sie, ist zudem das Bild der Familie, das die Autorin zeichnet. Spaß hat die Rezensentin dennoch. Dafür sorgen Mantels Stil und Sprache und die Leerstellen im Text, die Pluwatsch nach Belieben selber füllen darf.
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