Lavinia Greenlaw

Die Vision der Mary George

Roman
DuMont Verlag, Köln 2001
ISBN 9783770155545
Gebunden, 370 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Sabine Hedinger. Lavinia Greenlaw erzählt hier eine Initiationsgeschichte: Als Tom Hepple nach Allnorthover zurückkehrt, macht er Halt an dem Stausee, in dem das Haus seiner Kindheit versunken ist. Er bemerkt ein Mädchen, das über das Wasser geht: Mary George. Sie ist siebzehn, kurzsichtig, etwas exzentrisch und kämpft mit dem Erwachsenwerden in der Enge des Dorfes. Tom Hepples Auftauchen bringt alte Geschichten zum Vorschein, Erinnerungsstücke eines alten Familienzwistes. Was für eine Beziehung verband Marys Vater mit der alten Frau Hepple, seiner früheren Ziehmutter? Warum war er so versessen darauf, am Dorfrand den Stausee anzulegen?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Lavina Greenlaw hat sich bisher einen Namen als Lyrikerin gemacht, nun liegt ihr erster Roman vor. Lothar Müller bezeichnet ihn als "großen Roman" und lobt die ausgezeichnete Übersetzung von Sabine Hedinger. Wie in ihren Gedichten geht Greenlaw auch in ihrem Prosawerk fast wie ein Naturwissenschaftler vor und beschreibt die Romanheldin sowie die Erzählräume mit minutiöser Genauigkeit, weiß Müller. So erstelle der "Fast-Freund" und angehende Maler von Mary George anhand von Narben eine Landkarte ihres Körpers, die der Leser in der Hand trägt, wenn er das Buch lese. Im Roman, erklärt Müller weiterhin, seien die Hauptfiguren und ihr Schauplatz miteinander verwachsen, und wie bei Graham Swift sei die Wahrheit über England nicht in den angesagten Vierteln Londons zu finden, sondern in der Provinz, im Südosten. Müller lobt das Porträt des "gottverdammten Nestes" Allnorthover und nennt die Autorin eine "hemmungslose Beobachterin" und "geduldige Ethnologin einer ebenso ärmlichen wie geschichtenreichen Welt". Hier entdecke der Leser die Ursachen für Maries eingangs erwähnte Narben, die Greenlaw in ganz besonderer Weise darlege. Müller verweist in diesem Zusammenhang auf den Wahrnehmungsdefekt des kurzsichtigen Mädchens, durch den das "Ungeschick der Pubertät, die Regionen der Peinlichkeit, die Exzesse der Selbstüberprüfung im Spiegel oder Reaktion der Anderen" in "verstörender Intensität" erscheine. "Die Vision der Mary George" sei auch ein Roman über die siebziger und achtziger Jahre, jedoch ganz anders als alle anderen über diese Zeit, die, wie Müller findet, meist ungehemmt autobiografisch und genüsslich über Mode und Schallplatten oder verklärende Episoden von einst erzählten. Greenlaws Roman sei hingegen ein "genaues, hartes Buch", in dem "Vergangenheit und Gegenwart durch Falltüren verbunden sind".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Stefan Weidner stellt fest, dass der Roman der Lyrikerin Lavinia Greenlaw erst auf den zweiten Blick seinen Reiz entfaltet. Erzählweise, Handlung und Thematik seien eher konventionell. Dennoch findet er den Roman, der sowohl vom Erwachsenwerden erzählt als auch ein Porträt der englischen Provinz der siebziger Jahre ist, "ungewöhnlich geschlossen erzählt" und von einem "mythologischen Subtext" durchzogen. Der Rezensent lobt, dass die Beobachtungen nicht Selbstzweck sind, sondern erst durch die Betrachtungsweise der Charaktere einen Sinn erhalten. Den einzigen Anlass zur Kritik bietet Weidner die deutsche Übersetzung, die er in den Formulierungen teilweise nicht sorgfältig genug findet.
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